Anarchie
Der Buchtitel erklärt sich aus einer langanhaltenden chaotischen Situation in Nordindien im ausgehenden 18. Jh. Nach Ansicht des Historikers William Dalrymple ursächlich verschuldet von der East India Company. Aus dieser Aktiengesellschaft wurde
binnen weniger Jahrzehnte ein militärisch operierender Staat im Staat, getrieben von Profitgier, Korruption und Gewalt. Dalrymple zeigt diesen Prozess als Weg übers Schlachtfeld zum Markt, bei dem wirtschaftliche Interessen systematisch politische Herrschaft formten. Dalrymple ist ein großartiger Schriftsteller: Schlachten, Intrigen, Machenschaften. Schlüsselfiguren wie Robert Clive werden plastisch, fast romanhaft entfaltet. Die erzählerische Sogkraft ist enorm. Doch hier beginnt auch die Ambivalenz: Der Autor will mehr sein als Historiker – ein moralischer Erzähler der Globalisierung. Die Argumentation folgt einer klaren Leitthese: Expansive Konzerne gebären Gewalt, Kolonialismus reimt sich auf Kapitalismus. Das verleiht dem Buch Stringenz, führt aber zu Verkürzungen. So bleibt der komplexe Kontext Indiens hinter der großen Anklage zurück. Dalrymple integriert jede Menge persische und indische Quellen und erweitert damit den Blick über die britische Perspektive hinaus. Allerdings wird man als Leser den Eindruck nicht los, dass er deren Auswahl stark seiner These unterordnet. Ein Zug, der wohl die einen überzeugt und die anderen misstrauisch macht. – Großes Historienkino, wenn auch parteiisch. Für große Bestände.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Anarchie
William Dalrymple ; aus dem Englischen von Cornelius Hartz
C.H.Beck (2026)
597, [48] Seiten : Illustrationen (überwiegend farbig)
fest geb.