Kopflos
Die argentinische, in Frankreich lebende Autorin geht einer extremen Situation im Leben einer Mutter nach, der das Familiengericht das Umgangsrecht mit ihren fünfjährigen Zwillingen entzieht. Monatliche Kurzbesuche unter Behördenaufsicht stillen
die unbändige mütterliche Sehnsucht bald nicht mehr. Die Ich-Erzählerin Lisa missachtet das Kontaktverbot, beobachtet Jonay und Elías auf dem Schulhof und im Supermarkt, beim Spielen oder Schwimmen. Irgendwann gibt sie ihren versteckten Beobachtungsposten auf. Irgendwann geht die Scheune auf dem Grundstück der verhassten Schwiegereltern in Flammen auf und Lisas Wagen mit den schlafenden Söhnen düst davon. In der Beziehung zu Lisas Ex-Mann Armand hat es schon lange vor der Trennung gestichelt und gebrannt. Die jungen Eheleute und Eltern sind kein Halt mehr füreinander: "Er die Zündschnur, ich das Zündholz." Das Zusammenleben gleicht einem "Russisch Roulette mit geladener Waffe." Nähe und Hingabe wechseln sich jäh mit eruptiven emotionalen Ausbrüchen ab, mit verbalen Übergriffen, sexueller und physischer Gewalt. – Eine Lektüre, die viel zumutet: In einem gehetzt-atemlosen Monologstil erzählt "Kopflos" über die Wucht der mütterlichen Obsession und die weibliche Auflehnung gegen die Autoritäten und Instanzen: seien es die Auflagen und Gesetze der Justiz, die Vorurteile in dem fremdenfeindlichen Provinzdorf, der Antisemitismus der Schwiegereltern. Der in Teilen verstörende, herausfordernde Text hält Ambivalenzen aufrecht und stellt Fragen ohne eindeutige Antworten: Wann kippt der Beschützerinstinkt in die Bedrohung des Kindeswohls? Wer ist in der gegebenen Familienkonstellation und in der toxischen Liebesbeziehung Täter, wer Opfer?
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Kopflos
Ariana Harwicz ; aus dem argentinischen Spanisch von Silke Kleemann
C.H.Beck (2025)
141 Seiten
fest geb.