Die Abschottung der Welt
„Mit dem Beginn des Massenmordes dauerte es noch mehr als ein Jahr, bis die Alliierten diesen öffentlich verurteilten und die Bestrafung der Täter androhten. Doch ihre Haltung gegenüber den Verfolgten änderte sich nicht.“ Dieses ernüchternde
Ergebnis, das ja nur die Situation der jüdischen Bevölkerung ab 1941 in Deutschland und in den besetzten Gebieten im Blick hat, benennt die Historikerin Susanne Heim als nur einen Punkt im dramatischen Scheitern der internationalen Flüchtlingshilfe während der NS-Zeit. In diesem fundiert recherchierten Buch gelingt ihr eine umfassende Analyse, die zugleich eine historische Bestandsaufnahme (Abläufe, Verträge, Abkommen) darstellt, die „perfiden Barrieren“ zahlreicher, demokratisch verankerter Länder aufzeigt und kritisch hinterfragt, aber auch Parallelen zur heute praktizierten Flüchtlingspolitik anklingen lässt. Die Thematik untersucht sie unter vier Gesichtspunkten: Unterschiedliche Fluchterfahrungen, ungleiche Chancen (Geschlecht, Alter, Vermögen), freiwillige Emigration oder Zwang – Verhalten der Zufluchts- oder Aufnahmeländer, humanitäre Verpflichtung gegen nationales Interesse, Arbeitsmarktbelastung, Sicherheitsrisiko – Uneinigkeit und Konkurrenz auf internationaler Ebene – Rolle diverser Hilfsorganisationen und Interessenvertretungen. In ihren Ausführungen betont die Autorin die besonders problematische Situation der jüdischen Bevölkerung, die ja keinen eigenen Staat hatte, der sie rechtlich vertreten oder absichern konnte, und die durch NS-Gesetze (u.a. Berufsverbot, Enteignung, Reichsfluchtsteuer) meist mittellos und rechtlos war. Historisch genau und gut lesbar beschreibt Heim die systematische Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben bis hin zum Vollzug der Endlösung, erarbeitet jedoch auch kritisch das Verhalten der potenziellen Zufluchtsländer, die großteils nationales Interesse über humanitäres Handeln stellten. – Für geschichtlich Interessierte sehr empfehlenswert.
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Abschottung der Welt
Susanne Heim
C.H.Beck (2026)
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung
384 Seiten : Illustrationen, Karte
fest geb.