Wir Töchter
Was bedeutet es, die erste und letzte Tochter zu sein? Wie verbinden sich in fast 100 Jahren deutsch-polnischer Geschichte aus drei Generationen die Töchter ihrer Zeit? Welche Sprachen, welche Erfahrungen haben sie im Gepäck? Oliwia Hälterleins
Antwort ist eine Erzählung, eine beeindruckende, ja brillante Geschichte von drei polnischen Frauen. Marianna wächst nach dem Zweiten Weltkrieg in einem polnischen Dorf auf, sie ist Bäuerin, schuftet, kocht, wäscht, erzieht ihr gesamtes Leben. Ihre Tochter Róza wird in diese Männern angepasste Gesellschaft hineingeboren, aber in der Stadt Gdansk von der Sehnsucht nach einem anderen, vielleicht besseren Leben angesteckt. Sie bekommt mit, wie sich Frauen in der Solidarnosc, der Arbeiterorganisation, die aus der Streikbewegung an der Danziger Werft entstanden ist, politisch betätigen. Mit ihrer dreijährigen Tochter Waleria geht Róza dann Ende der 1990er-Jahre nach Deutschland, da sehen wir die Mutter putzen und die Tochter das Alphabet lernen. Klischeefrei, eindringlich und beim Lesen in Bann schlagend erzählt Hälterleins postmigrantischer Roman von einer Herkunft, die zwei Töchter in ihrer neuen Zukunft nicht loslässt, von körperlichen Tabus und Alltagskünsten, von politischen Ereignissen und patriarchaler Macht, die von außen hereindrängen. Der Mut der Frauen, von deren routes und roots hier erzählt wird, bekommt eine chorische Stimme, die über die Zeiten hinweg erschallt: „Wir Töchter“ ist ein großartiges Zeugnis einer postfeministischen Migration über Sprachgrenzen, Geschlechter und Generationen hinweg. Unbedingt lesen!
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Wir Töchter
Oliwia Hälterlein
C.H.Beck (2026)
356 Seiten
fest geb.