Sokrates
Die US-amerikanische Hochschullehrerin Agnes Callard unternimmt auf gut 400 Seiten den Versuch, mit dem altgriechischen Philosophen Sokrates zu zeigen, wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert, so der Untertitel. Sokrates
hatte die griechische Philosophie mit seiner Fragetechnik gleichsam revolutioniert. Als Einstieg in das Thema wählt sie u.a. Leo Tolstoi, der in der Mitte seines Lebens nach dem Sinn all seines Tuns fragt. Antworten darauf entwickelt Callard anhand verschiedener Szenen und Textausschnitte aus mehreren Dialogen Platons, des berühmtesten Schülers von Sokrates. Sie ist überzeugt davon, Widersprüche zwischen gesundem Menschenverstand und moralischen Verpflichtungen ließen sich auflösen, wenn man sich z.B. zwischen Selbstrettung und der Rettung eines Mitmenschen entscheiden muss. Man müsse nur das Leben verstehen, d.h. philosophieren. Dies bedeutet für sie wie auch für Sokrates, sich einer Lösung anzunähern, indem man im Gespräch das Thema von verschiedenen Seiten aus untersucht und sich laufend verbessert. Dies wird breit an verschiedenen Paradoxien, also unvereinbar scheinenden Widersprüchen dargestellt. Ausführlich untersucht Callard die Themenkomplexe Politik, Liebe und Tod. Wer z.B. eine Lösung zum Problem des Sterbens sucht, wird auf den meist längeren Weg des fortschreitenden Diskutierens und der induktiven Wahrheitssuche verwiesen. Dies ist eine akademisch-theoretische Empfehlung, die Agnes Callard zwar mit ihrem philosophischen Freund Steve praktizierte, für die meisten Lesern ist das vielleicht aber nicht der Königsweg. Die Autorin bietet mit diesem Buch eine breite Einführung in philosophisches Denken und Suchen, wobei sie viele Lebensbereiche und auch Alltagserlebnisse heranzieht.
Bernhard Grabmeyer
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Sokrates
Agnes Callard ; aus dem Englischen von Antje Korsmeier
C.H.Beck (2026)
429 Seiten
fest geb.