Wir Tiere

Der schmale Roman erzählt in lockerer Aneinanderreihung aus der Sicht des jüngsten der drei Brüder einer amerikanischen Unterschichtfamilie von kuriosen, aber überwiegend schockierenden Episoden, die die Lebenswelt von Ghetto-Kids ausmachen und Wir Tiere die das allmähliche Hineinwachsen ins Milieu der Chancenlosigkeit, das zunehmende Verstehen der Spielregeln der Erwachsenenwelt nachvollziehbar machen. Die kurzen Szenen schildern einen oft unbeherrscht-brutalen, dann wieder fürsorglichen, von Existenzängsten gepeinigten Ehemann und Vater, eine zarte, aufopferungsbereite und lebenskluge Mutter. Beide Eltern - er Puertoricaner, sie Weiße - waren bei der Geburt des ersten Sohns noch selbst halbe Kinder. Die Jungen bleiben, weil die Eltern oft sogar nachts arbeiten müssen, weitgehend sich selbst überlassen, wachsen auf wie "Tiere" - so nennt sie ein alter Mann, dessen Garten sie verwüsten, so sehen sie sich in ihrem ungezügelten Lebenshunger selbst. Es ist ein Leben am Existenzminimum, wo man oft kaum etwas zu beißen hat, wo Mülltüten zum Drachensteigen herhalten müssen - und dennoch halten sie rudelmäßig zusammen, mal gegen den gewalttätigen Vater, mal gegen eine feindliche Außenwelt. Am Ende des über zehn Jahre sich erstreckenden Erzählzeitraums freilich erfolgt ein scharfer Bruch: Als die homoerotische Neigung des Ich-Erzählers offenbar wird, triumphiert das Vorurteil - und man lässt ihn fallen. Die unverstellt naive Sicht des Jungen, seine Rat- und Hilflosigkeit dokumentiert sich auf faszinierende Weise auch auf der sprachlichen Ebene. Und auch dies macht den Roman zu einem interessanten und berührenden Leseerlebnis. (Übers.: Peter Torberg)

Wir Tiere

Wir Tiere

Justin Torres
Dt. Verl.-Anst. (2013)

168 S.
fest geb.

MedienNr.: 390800
ISBN 978-3-421-04579-9
9783421045799
ca. 16,99 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
Diesen Titel bei der ekz kaufen.