Szenen keiner Ehe
16 Jahre nach der Scheidung verbringen Marie Theres Relin – Tochter von Maria Schell und Initiatorin der "Hausfrauenrevolution" – und der 20 Jahre ältere Schauspieler und Dramaturg Franz Xaver Kroetz noch einmal zwei gemeinsame Monate auf Teneriffa
und auf einer Autofahrt von dort über mehrere Etappen zurück nach München. Als Projekt führen sie unabhängig voneinander darüber Tagebuch. Während Kroetz vor allem die aktuellen Reibereien und seine Altersbeschwerden (einschließlich künstlerischer Schreibblockade), aber auch positive Aspekte der erneuten Zweisamkeit und selbstkritische Gedanken festhält, thematisiert Relin – neben Reisenotizen – ihr "Losertum" (S. 20 u.a.) in der Gegenwart und in Rückblenden. Dabei macht sie erstmals den sexuellen Missbrauch im Alter von 14 Jahren durch ihren Onkel öffentlich und beschreibt den Hergang. Insgesamt herrscht trotz des einen oder anderen geschilderten Lichtblicks, gelegentlicher Situationskomik und Selbstironie eine eher bedrückende Grundstimmung. Wo große Nachfrage nach Einblicken in Künstlerleben oder in Beziehungsmuster und -fallen besteht, kann eine Anschaffung erwogen werden, allerdings ist die oftmals derbe bis vulgäre Kroetzsche Ausdrucksweise nicht für jeden Lesergeschmack geeignet.
Monika Graf
rezensiert für den Borromäusverein.
Szenen keiner Ehe
Marie Theres Relin, Franz Xaver Kroetz
dtv (2023)
319 Seiten
fest geb.