In der Gnade
Kate, eine junge Frau, ist schwanger und besucht ihren schwerverletzten Mann im Krankenhaus. Es scheint kaum Zeit vergangen zu sein, seit sie ihren dominanten Vater, einen Prediger, verlassen hat, um zu sich selbst zu finden. Das Gleichgewicht, das
sie gesucht hat, hat sie nicht gefunden. Sie hat Französisch an einem College in den Südstaaten studiert und sich etwas Geld mit Kellnern verdient. In ihrer Freizeit geht sie mit zahllosen Männern ins Bett, bevor sie Grady kennenlernt, ihren späteren Mann. Wessen Kind sie austrägt, bleibt unklar. Kate schleppt ein schweres Bündel: Eine Mutter, die ihrer kleinen Tochter beim Tod der Schwester mitteilt, dass ihr das falsche Kind genommen wurde. Ein Vater, der für alles einen Bibelspruch bereithält und der Tochter keinen Raum lässt. Ein möglicher Missbrauch klingt an. - Sprachgewaltig schwankt Williams‘ Roman zwischen Erinnerung, Traum und Wirklichkeit. Seine skurrilen Figuren bewegen sich am Rande einer Gesellschaft, die in Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit gefangen ist. Der literarisch anspruchsvolle Debütroman ist bereits 1973 erschienen und wurde erst jetzt ins Deutsche übersetzt. Besonders geeignet für Literaturkreise!
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
In der Gnade
Joy Williams ; aus dem Englischen von Julia Wolf
dtv (2024)
336 Seiten
fest geb.