Der chinesische Paravent

Seit sie sich erinnern kann, stand im Wohnzimmer der Familie der Journalistin und Kunsthistorikerin Nicola Kuhn ein großer chinesischer Wandschirm, bestickt mit einem Drachen. Ein Erinnerungsstück an ihren Urgroßvater, Carl Bödiker, der habe ihn Der chinesische Paravent vom chinesischen Kaiser persönlich geschenkt bekommen. Als sie während der Corona-Lockdowns nachforscht, fällt diese Familienerinnerung rasch in sich zusammen. Der Urgroßvater war ein Kaufmann, der deutsche Truppen während des sogenannten Boxeraufstands versorgte, als europäische Kolonialmächte mit Freude und Gewalt einen chinesischen Aufstand gegen ihren Einfluss niederschlugen. Der Wandschirm war also mitnichten ein Geschenk, eher Plünderungsgut. Ausgehend von diesem Objekt untersucht Kuhn in ihrem Buch noch zehn weitere in anderen deutschen Familien. Von einer Zeichnung von Max Pechstein über eine Trommel, einen Hocker oder Fotos – überall, wo die Deutschen ihre Kolonien hatten, wurde auch geplündert, wurde den Einheimischen für wenig Geld "legal" Kunst abgekauft oder wurde mit kolonialem Blick das Leben der zu zivilisierenden Menschen fotografiert, gezeichnet oder gemalt. Die Autorin zeichnet den Weg der Objekte nach bis zu dem Punkt, an dem sie jetzt sind - wo die Erbinnen und Erben den kolonialen Hintergrund teils schönreden, teils leugnen oder versuchen, ihre Erbstücke zu restituieren. – Nicola Kuhn hat eine flüssig geschriebene kluge Denkanregung vorgelegt, die nebenher auch so manches Narrativ in deutschen Wohnzimmern entlarvt. Ein Patentrezept für den Umgang mit kolonialen Objekten hat sie nicht, außer dem, sich damit zu beschäftigen. Dass das Not tut, ist spätestens nach der Lektüre klar. Büchereien wärmstens empfohlen.

Friedrich Röhrer-Ertl

Friedrich Röhrer-Ertl

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Der chinesische Paravent

Der chinesische Paravent

Nicola Kuhn
dtv (2024)

364 Seiten : Illustrationen
fest geb.

MedienNr.: 618343
ISBN 978-3-423-28403-5
9783423284035
ca. 25,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Ge
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