Zwei, drei blaue Augen
Victor alias Tassilo (*1968) wächst allein mit seiner parteitreuen Mutter, Journalistin beim DDR-Rundfunk, in Rostock auf. Schon früh in Kindergarten und Schule entwickelt er, auch in Oppositionshaltung zu Mutter und Oma, eine ausdrückliche Freiheitssehnsucht,
die er sich einzig vom erfolgreich betriebenen Leistungssport beschneiden lässt. Geistige Nahrung erhält er in der evangelisch geprägten Friedensbewegung, ersten Erfahrungen in der Schauspielerei sowie bei vielen, meist unerlaubten Reisen nach Berlin und ins befreundete Ausland. Die staatliche Tabuisierung seiner gelebten Homosexualität trägt ein Übriges zur Distanzierung bei. Unterstützt von einem westdeutschen Freundeskreis entwickelt und verfestigen sich seine Ausreisewünsche, die 1986 Realisierung finden. In der Zeit bis "begleitet" ihn seit 1984 die Staatssicherheit engmaschig, teilweise auf Bitten und mit Unterstützung der Mutter. Kurze Zeit nach der Ausreise wird eine schwere Krebserkrankung diagnostiziert, OP und Chemo verlaufen erfolgreich, Lebens- und Freiheitswillen sind nachfolgend entscheidende Genesungstreiber. Die deutsche Wiedervereinigung und der Erfolg beim ersten Bühnenstück bringen dann auch eine Versöhnung mit der Mutter. – Der bekannte Schauspieler präsentiert in seinem Erstlingswerk eine stark dokumentarische Autobiografie mit im letzten Teil erzählerischen Stärken. Die ersten 350 Seiten sind gespickt mit Zeitzeugnissen zum Leben als DDR-Jugendlicher, der Relevanz von Texten in Literatur und Musik "aus dem Westen", seiner Sexualität und Dokumenten der Staatssicherheit, in die Schefé eigentlich "nicht reingucken" möchte. – Als erinnerndes Zeugnis für die Kleinteiligkeit der Überwachung in der DDR und für die menschliche Freiheitsliebe gegen viele Widerstände empfohlen.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Zwei, drei blaue Augen
Victor Schefé
dtv (2025)
467 Seiten
fest geb.