Die Möglichkeit eines Wunders
Auf den ersten Blick scheint "Die Möglichkeit eines Wunders" von Jan Schomburg ein historischer Roman zu sein: In seinem ersten Teil erzählt er die Geschichte des heute noch halb prominenten Münchner Arztes Albert von Schrenck-Notzing (1862-1929),
der sich während des Fin de Siècle einen Namen als Psychiater machte, vor allem aber wegen seiner parapsychologischen Experimente und Séancen in die Geschichte einging. Beschworen wird dieser Teil der Medizingeschichte vor dem Hintergrund der Schwabinger Bohème, jener Gesellschaftsform, die einen fruchtbaren Nährboden für Geisterglaube und Okkultismus aller Art bot. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass die geschichtliche Darstellung von untergeordnetem Interesse ist. Bereits im ersten Teil nimmt sich Schomburg künstlerische Freiheiten und weicht deutlich erkennbar von der biografischen Vorlage ab. Spätestens im zweiten Teil verlässt er dann endgültig das historische Erzählen und betritt den Bereich des Fantastischen: Hier wird eine Zwischenexistenz des Helden zwischen Leben und Tod imaginiert, die bis in den Zweiten Weltkrieg reicht und Schrenck-Notzings Wirkungsgeschichte während des Nationalsozialismus beleuchtet. Geeignet ist diese ungewöhnliche Komposition für alle, die sich nicht mit den Grenzen von Zeit und Raum zufriedengeben und sich auf eine weitere, dunkle und rätselhafte Dimension einlassen möchten.
Antonie Magen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Möglichkeit eines Wunders
Jan Schomburg
dtv (2024)
267 Seiten
fest geb.