Wenn die Bienen schweigen
Nach dem ökologischen Kollaps ist eine dystopische Diktatur entstanden, die vor allem junge Mädchen und Frauen einer strengen Reglementierung unterwirft. Im Alter von 11 Jahren werden Mädchen in Camps gezwungen und müssen unter schwierigsten Umständen
Obstbäume mit der Hand bestäuben, da die Bienen ausgestorben sind. Nach ihrer ersten Periode verlassen sie das Camp, um nach einer erzwungenen Hochzeit möglichst viele Kinder zu bekommen. Die aufmüpfige Jess, die die Welt vor dieser Apokalypse aus eigentlich verbotenen Büchern kennt und deren rebellische Mutter ihr künstlerisches Talent schon früh gefördert hat, weiß genau, was man mit den für die Bestäubung zur Verfügung gestellten Pinseln erschaffen kann. Das farbenprächtige Bild, das sie eines Nachts an die Mauer des Camps malt, wird zur Keimzelle eines Aufstands, den die Herrschenden mit allen Mitteln zu unterdrücken versuchen. – In starken Bildern erzählt die walisische Autorin von einem in einer Krise entstandenen patriarchalen System, das Mädchen und Frauen ausschließlich nach ihrem Nutzen bewertet und ihnen jegliche Individualität abspricht. Genau diese Individualität, die sich Jess aller Widerstände zum Trotz bewahren kann, wird zum Schlüssel im Kampf um Selbstbestimmung und Freiheit. Ein eindrucksvolles Plädoyer für die Macht der Fantasie und die Hoffnung, dass die Liebe zur Kunst und zum Erzählen von Geschichten stärker ist als alle Unterdrückungsmechanismen.
Angelika Rockenbach
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Wenn die Bienen schweigen
Caryl Lewis ; aus dem Englischen von Anu Stohner
dtv (2026)
302 Seiten
kt.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 14