Das verborgene Leben meiner Mutter
Der in Holland sehr bekannte, mehrfach preisgekrönte Autor schreibt in dem weitgehend autobiografischen Roman vom Abschied eines Sohnes von seiner Mutter und von dem Abschied der fast 90-jährigen Mutter von ihren Kindern und vom Leben. Und mit ihrem
halb ersehnten, halb angstvoll erwarteten Tod endet auch der lakonisch formulierende, ergreifend ehrliche Roman. Von zwei verschiedenen Männern hatte die Mutter vier Kinder, von denen zwei noch am Leben sind. Unter ihnen der 65-jährige Erzähler. Dieser macht sich daran, dem "verborgenen Leben" seiner Mutter nachzuspüren und alles in einem Buch festzuhalten. Dies im grundsätzlichen Einvernehmen mit seiner Mutter, aber dennoch gegen ihren ständigen Widerstand und gegen ihre Scheu, sich zu offenbaren, ankämpfend. Neben den äußeren Gegebenheiten - eine holländische Bauerntochter verschlägt es in den Dschungel der niederländischen Kolonien, wo sie mit einem farbigen Offizier liiert ist, der dann in der Gefangenschaft umkommt, ist es vor allem diese hochkomplexe und beinahe schmerzlich widersprüchliche Beziehung zwischen Mutter und Sohn, um die die psychologisch interessante Romanhandlung kreist und die vom Anfang bis Ende zu fesseln vermag. Es ist eine nüchterne, ja kalte, auch sprachlich völlig unprätentiöse Diktion, die die offenbare emotionale Distanz, die zwischen Mutter und Sohn herrscht und auch im Angesicht des Todes nicht ganz schwindet, faszinierend klar widerspiegelt. (Übers.: Marlene Müller-Haas)
Das verborgene Leben meiner Mutter
Adriaan van Dis
Droemer (2016)
285 S.
fest geb.