Ihr kennt mich nicht
Nach einer Abtreibung als Teenagerin arbeitet die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Simone nach dem Abitur bei der deutschen Besatzungsmacht in Chartres als Übersetzerin. Sie verliebt sich in den hochrangigen Offizier Otto Weiß, der ihre Begeisterung
für die Nazis nicht teilt. Otto wird für den Russland-Feldzug abkommandiert. Nach einer Verletzung wird er in Berlin behandelt, wo es Simone gelingt, ihn zu treffen. Nach seiner Genesung muss er wieder an die Front, während Simone wegen ihrer Beziehung zu einem Deutschen nach Frankreich zurückgeschickt wird. Nach dem Krieg muss sie nicht nur um den gefallenen Otto trauern, sondern wird mit einem Hakenkreuz gebrandmarkt und mit geschorenem Kopf als Hure der Deutschen durch die Straßen von Chartres geprügelt. – Héracles beschreibt abwechselnd den Werdegang ihrer Protagonistin und den 16. August 1944, als sie durch die Stadt getrieben wird. Sie führt die Brutalität von Siegern und Besiegten vor Augen, die ebenso authentisch beschrieben wird wie die Protagonistin selbst. Die Ich-Perspektive und die durchgängig im Präsens gehaltene Erzählform mit ihren kurzen Sätzen vermitteln den Eindruck von Unmittelbarkeit und legen den Zustand einer Gehetzten offen.
Adelgundis Hovestadt
rezensiert für den Borromäusverein.
Ihr kennt mich nicht
Julie Héraclès ; aus dem Französischen von Elsbeth Ranke
Droemer (2024)
365 Seiten
fest geb.