Wer glaubt uns noch?
Der langjährige Berufspolitiker leidet spürbar an den Verwerfungen zwischen Wählern und Gewählten in der Berliner Republik. In 29 kurzen und locker miteinander verknüpften Kapiteln greift er Themen der Tagespolitik heraus. Ohne Ausnahme zeigen
sie für ihn, dass der Vertrauensverlust "der Politik" immens ist und zu einer noch nie dagewesenen Entfremdung mit dem Staatsvolk geführt hat. Obwohl der Untertitel des Werks anderes andeutet, griffige Lösungen jenseits gutgemeinter Appelle weiß auch Wolfgang Bosbach nicht anzubieten. Substanz und Mehrwert des Buchs ruhen ganz auf der Persönlichkeit des Autors. Der Grandseigneur der CDU überzeugt vor allem dort, wo er über Selbsterlebtes aus 23 Jahren Politik auf Bundesebene schreibt. Er ist dabei ritterlich zum politischen Gegner und differenziert, wenn es um die eigene Klientel geht. Bosbachs Mahnungen klingen ernst und sind eingängig. Er fürchtet, dass die Berliner Republik die Bestände, die sie für eine gedeihliche Funktionsweise benötigt, nicht wird erhalten bzw. regenerieren können. Ein hohes Maß an Transparenz, sowie eine wertschätzende Kommunikation gegenüber den Bürgern sind für den Autor erste Schritte zur Besserung. - Die Lektüre ist nachttischtauglich und lädt zum Schmökern ein. Der Stil ist auf sympathische Weise eindrücklich und wirkt, als säße der Autor dem Leser gegenüber. Erkenntnisreich für jeden Politikinteressierten und empfehlenswert für alle Bestände.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Wer glaubt uns noch?
Wolfgang Bosbach
Econ (2022)
219 Seiten
fest geb.