Arktischer Sommer
Edward Morgan Forster hat schon vier in seiner Heimat England viel beachtete Romane geschrieben, als er sich 1912 nach Indien aufmacht. Aufgewachsen in der Enge der englischen Provinz, in Gemeinschaft mit der Mutter und ältlichen Tanten, scheint dem
homosexuellen Morgan der Orient wie ein einziges unbestimmtes sinnliches Versprechen. Er möchte seinen Freund Masood wiedersehen, mit dem ihn zu Hause eine enge Beziehung verband, und er möchte Stoff sammeln für einen weiteren großen Roman. Seine Hoffnungen erfüllen sich nicht. Seine Liebe zu Masood bleibt unerwidert, und die Wirklichkeit verdrängt zunächst die Idee des Romans. Wieder zu Hause erwarten den labilen jungen Mann die gleichen Zweifel und Hemmungen wie vorher, die inneren Kämpfe, das Sich-Verstecken, das Sich-zögernd-in-Andeutungen-Offenbaren, die Schwierigkeit, Erlebtes und Erfühltes zu Papier zu bringen. Erst viele Jahre später kristallisiert sich aus den Erfahrungen dieser Reise sein großer Roman 'Auf der Suche nach Indien'. - In dieser Romanbiografie gelingt dem Autor der Spagat zwischen Fakten und Phantasie. Die Figur des jungen, noch ungefestigten Morgan, dessen sexuelle Orientierung sein ganzes Leben überschattet, da die äußeren Umstände sowie sein Charakter Offenheit nicht zulassen, gewinnt Kontur gerade in seiner Ziellosigkeit, seiner Unbestimmtheit, seiner Hilflosigkeit seinem Schicksal gegenüber. Der Roman ist fesselnd und interessant dieser Charakterdarstellung wegen, aber auch, weil die historischen Hintergründe sehr gut recherchiert sind, und sich Einblicke ergeben in das Verhältnis der beiden Kulturen zu einer Zeit, da das Empire erste Auflösungserscheinungen zeigt. Für alle Büchereien mit aufgeschlossenen, an detailreichen Charakterstudien und historischen Zusammenhängen interessierten Lesern. (Übers.: Thomas Mohr)
Ulrike Braeckevelt
rezensiert für den Borromäusverein.
Arktischer Sommer
Damon Galgut
Manhattan (2014)
382 S.
fest geb.