Erinnerungen eines Taugenichts
Anatol Regnier, Schriftsteller, Chansonsänger und Gitarrist, hat als Sohn einer problematischen, wogleich einvernehmlichen Künstler-Ehe seine Kindheits- und Jugenderinnerungen vorgelegt. Seine Eltern: die Mutter Pamela Wedekind, eine Tochter von
Frank Wedekind und der Schauspielerin Tilly Newes, der Vater der Schauspieler Charles Regnier. Für die deutsche Nachkriegszeit und ihrer Theaterszene, in der Anatol groß wird, ein höchst spannungsvolles Verhältnis zwischen Vergangenheitsbewältigung und Vergessen. Für Anatol zudem zwischen Landleben am Starnberger See, dem ersten Bemühen, seinen eigenen Weg zu finden, und der Kulturstadt München und ihrem durch die Verbindung der Eltern auf Anatol einwirkenden Netz von Kabarett-, Theater- und Musikergrößen. Wächst Anatol so einigermaßen behütet und frei auf, zeigt sich in der verdeckten Homosexualität des Vaters, in unerledigten und halb verdrängten Familiengeschichten eine hintergründige Spannung – die depressive Großmutter, der Selbstmord des väterlichen Großvaters, der übergroße Schatten Frank Wedekinds und die Stellung der Mutter in der Nazi-Zeit, wo sie unter Gründgens auf den Staatsbühnen spielte. Bewundernswert, dass Anatol diese Spannungen aushält und sich mit dem Studium der Gitarre einen eigenen Weg ins Künstlertum erkämpft. Die Erinnerungen Anatols in dieser Szenerie bleiben dabei stets eng an die Erlebnisse und Beobachtungen des jungen „Taugenichts“ gebunden. Sie zeugen von einer großen Sensibilität und zugleich Verunsicherung dieses jungen Menschen, der von den Gedanken an die Gräuel der Nazizeit (in der sein Vater selbst wegen der sexuellen Neigung einige Zeit im KZ verbrachte) und der Verwobenheit vieler Kulturgrößen umgetrieben wird. Dies alles ist in so nüchternen, einfachen Sätzen geschildert, stets aus dem persönlichen Blick des nunmehr 80-jährigen Anatol erlebt, dass dem Buch als Zeugnis der Nachkriegsjahre in Bayerns Bohème eine hervorragende Rolle zukommt. – Für alle Bestände, die Kulturgeschichte und autobiographische Zeugnisse schätzen, ein wichtiger Titel.
Helmut Krebs
rezensiert für den Borromäusverein.
Erinnerungen eines Taugenichts
Anatol Regnier
btb (2024)
314 Seiten
fest geb.