Tristan
Auch wenn der mit verschiedenen Preisen ausgezeichnete Autor sich ausdrücklich auf Gottfried von Straßburgs Tristan als Hauptquelle beruft, so ist sein opulenter Roman doch weit mehr als eine bloße Übertragung des mittelalterlichen Versepos in
moderne Prosa. (Gottfrieds Tristan ist im Übrigen ein Torso, wurde von anderen Autoren ergänzt und liegt in verschiedenen Handschriften vor.) Grzimeks sehr freie und literarisch eigenständige Nachgestaltung des um 1200 n. Chr. weitverbreiteten Sagenstoffes spielt in Britannien und Nordfrankreich und erzählt die Geschichte eines Königssohnes, der nach dem Tode seiner Eltern zu seinem eigenen Schutz unter falscher Identität aufwächst, zum Ritter ausgebildet wird, sich in vielen Kämpfen bewährt, einen Drachen besiegt und sich unsterblich in die schöne irische Königstochter Isolde verliebt. Isolde müsste ihn hassen, da er ihren Onkel im Kampf getötet hatte. Außerdem ist sie einem anderen versprochen. Aber ein irrtümlich von beiden eingenommener Liebestrank, Symbol für die Naturgewalt der Liebe, lässt ihnen - entgegen allen höfischen Konventionen - keine Wahl. Selbst Gott stellt sich in Form eines betrügerischen Gottesurteils quasi an ihre Seite. Obwohl ihre heimliche Liebe von Betrug, Eifersucht und ständiger Angst vor Entdeckung begleitet ist, steht der Leser auf ihrer Seite, weil die hier geschilderte romantische und tragisch endende Liebe unseren modernen Vorstellungen völlig entspricht, viel eher, als dies beim mittelalterlichen Publikum der Fall sein konnte. Grzimek entwirft in seinem 900 Seiten starken Entwicklungs- und Liebesroman ein farbiges und facettenreiches Panorama der mittelalterlichen Welt. Auch deshalb dürfte er trotz des enormen Umfangs für jugendliche und erwachsene Leser ein spannendes Lesefutter abgeben.
Tristan
Martin Grzimek
Hanser (2011)
905 S.
fest geb.