Die Liebe zur Einfalt
Das zentrale Thema dieses 1991 erstmals erschienen Romans von Genazino ist die Erinnerung an die Kindheit. Der Ich-Erzähler merkt nach dem Tod der Mutter, dass erst mit ihr auch der Tod des vor Jahren verstorbenen Vaters Wirklichkeit wird. Die Erinnerungen
an die trostlose, einsame Kindheit überwältigen ihn zunehmend. Das Kind war damals gefangen in einer umfassenden Sprachlosigkeit, die das Kennzeichen dieser Familie war und die Fremdheit verstärkte, die die Eltern umgab. Diese Fremdheit ist auch jetzt noch immer wieder spürbar, ebenso die hilflose Liebe, die den Erzähler dennoch mit den Eltern verband und noch verbindet. Diese Liebe aber musste immer auch konkurrieren mit anderen starken Gefühlen, mit Wut, Scham, Verachtung. Erstaunt stellt der Erzähler fest, dass er zunehmend ein Sehnen nach den Eltern verspürt, das er früher so nicht für möglich gehalten hätte, "ein Schmerz wie eine sehnsüchtige Verrücktheit".- Wie in anderen Romanen des Autors gibt es nur wenig Handlung, der Erzähler schlendert sozusagen durch sein alltägliches Leben, blickt auf die Welt um sich herum und schweift dabei von Erinnerung zu Erinnerung. Genazino ist allerdings ein Meister scharfsinniger Beobachtungen und stilsicherer Formulierungen. Sein Spiel mit Sprache und Bildern ergießt sich ohne Kapitel in einem Strom von zum Teil absurden, zum Teil genialen, oft auch sehr nachgehenden Gedankengängen und Überlegungen, die im Leser die Frage weckt, wie weit er hier autobiografische Erlebnisse verarbeitet hat. Sehr beeindruckend.
Ulrike Braeckevelt
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Liebe zur Einfalt
Wilhelm Genazino
Hanser (2012)
163 S.
fest geb.