Das blaue Buch

Welch "glückliche" Fügung, dass Derek, Elizabeths grundsolider, wenig sympathischer Ehemann in spe, während der Schiffspassage von Southampton nach New York unter hartnäckiger Seekrankheit leidet, denn so ist es ihrem ehemaligen Partner und Geliebten, Das blaue Buch der sich ebenfalls "zufällig" an Bord befindet, möglich, sich ihr nach Jahren der Trennung erneut zu nähern und sie nun - möglicherweise - endgültig für sich zu gewinnen. Eine klassische Dreiecksgeschichte also, so könnte man vermuten. Aber so ungewöhnlich die Profession beider Partner war - sie hatten sich auf Séancen spezialisiert, bei denen sie angeblich mit Verstorbenen Kontakt herstellen konnten -, so ungewöhnlich sind auch ihre Charaktere. Beide sind hochsensible, sehr schwierige Personen, die bei aller Sehnsucht nach Liebe stets Angst vor zu großer Nähe haben. Diese für den modernen Menschen nicht untypische, fast romantische Widersprüchlichkeit verhindert bis zum berührenden Finale, dass man seiner Liebe traut und sie sich gesteht. - Dieser, trotz einiger Rückblenden und Nebenstränge recht einfache Plot wird von der mehrfach preisgekrönten schottischen Autorin allerdings auf eine hochartifizielle Weise erzählt. Widersprüchlichkeit und Gebrochenheit der Figuren materialisieren sich aufs Raffinierteste in der Sprache: Variation und Kumulation sind bevorzugte Stilmittel. Hart kontrastieren Vulgarismen und zarteste Gefühlsprosa. Ständige Wechsel von innerem Monolog und Außensicht, oft innerhalb eines Satzes und eine kaum zu bändigende Lust am Fabulieren und Weitertreiben von Metaphern faszinieren und nötigen sicher vielen Lesern Bewunderung ab. Manche werden sich aber auch an der häufig allzu preziösen Diktion und den vielen Redundanzen stören. Für größere Bestände. (Übers.: Ingo Herzke)

Das blaue Buch

Das blaue Buch

A. L. Kennedy
Hanser (2012)

364 S.
fest geb.

MedienNr.: 364285
ISBN 978-3-446-23981-4
9783446239814
ca. 21,90 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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