Im Rachen des Alligators
Als Colleen ihren geliebten Stiefvater mit 13 verliert, wird sie von ihrer Mutter mit ihrer Trauer völlig allein gelassen. Sie beginnt Trost in sexuellen Erfahrungen mit gleichaltrigen Jungen zu suchen und stürzt sich auf Kurzfilme ihrer Tante, einer
Regisseurin, die Menschen in extremen Situationen zeigen. Besonders Loyola fasziniert sie, ein Mann, der Alligatoren in Louisiana züchtet und sich von ihrer Tante filmen ließ, als er den Kopf in den Rachen eines seiner Schützlinge steckte. Als sie mit 17 eine Jugendstrafe absitzen soll, flieht sie von zu Hause, um Loyola aufzusuchen. - Passend zu den Filmsequenzen, die die Protagonistin sich anschaut, ist auch der Plot angelegt: Mit ständig wechselnder Perspektive wird der Fokus abwechselnd auf die verschiedenen Figuren gerichtet. Vor- und Rückgriffe zeichnen diesen Roman ebenso aus wie eine genaue Beobachtung und Beschreibung der Gedanken und Handlungen der Figuren. Aufgrund dieser dramaturgischen Konstruktion erfordert der Roman aufmerksames Lesen. Lisa Moore wurde in Deutschland mit ihrem zweiten Roman bekannt, "Und wieder Februar" (BP/mp 12/386). Dieses Buch ist ihr Debüt, in den USA bereits 2005 erschienen. Darin thematisiert sie existenzielle Krisen und menschliche Gewalt in einer ungeschönten, knappen und starken Sprache. Manche Szenen, die Colleen sich anschaut, sind geradezu verstörend - und ihre wie betäubte Reaktion darauf ebenfalls. Anspruchsvollen Lesern von Sozialdramen empfohlen. (Übers.: Kathrin Razum)
Adelgundis Hovestadt
rezensiert für den Borromäusverein.
Im Rachen des Alligators
Lisa Moore
Hanser (2013)
344 S.
fest geb.