Das größere Wunder
Der Held dieses modernen Entwicklungs-, Liebes- und Abenteuerromans ist ein Suchender. Sich "auszuschöpfen", der Mensch zu werden, der zu werden einem möglich ist, ist sein Ziel (vgl. S. 269). Da Gott ihm abhandengekommen ist, bleibt ihm nur die
eigene Existenzialität. Materiell ist Jonas bestens abgesichert, hat ihm doch sein Adoptivvater ein enormes Vermögen hinterlassen, mit dem er seine hybriden Bedürfnisse (eigene Insel, gigantisches Baumhaus, eigenes Museum, diverse Wohnungen in aller Welt, Segeljacht ...) ebenso befriedigen kann wie seine philanthropischen Anwandlungen (Kinderhilfswerk ...). Verzweifelt sinnentleerter Aktionismus, manisches Bereisen aller Weltgegenden, unterbrochen von jahrelangen Phasen monomanischer Abgeschiedenheit in Hotelzimmern, temporäre Liebschaften und das beinahe obsessive Suchen nach Selbstvergewisserung in lebensbedrohlichen Gefährdungssituationen sind letztlich untaugliche Mittel, sich zu finden und seinem Leben Sinn zu verleihen. Kulminationspunkt der Versuche, in Extremsituationen seine Grenzen auszuloten, ist die Teilnahme an einer waghalsigen Mount-Everest-Besteigung. Parallel zu der außerordentlich fesselnden Schilderung dieses für mehrere Beteiligte tödlich verlaufenden Abenteuers erzählt der Held in eingeschobenen Rückblenden von seiner Kindheit und Jugend, von dramatischen Schicksalsschlägen und von seiner großen Liebe. Am Ende treffen sich die beiden raffiniert miteinander verflochtenen Erzählstränge im dramatischen Finale. - Bei aller erzählerischen Brillanz stören die Neigung zur Mystifikation und die Tendenz, Charaktere und Situationen partiell ins Extreme und damit ins Unglaubwürdige zu treiben, doch ein wenig. Dennoch ein berührender, stets fesselnder und keinesfalls oberflächlicher Roman des mehrfach preisgekrönten österreichischen Autors. (Nominiert für den Deutschen Buchpreis)
Das größere Wunder
Thomas Glavinic
Hanser (2013)
522 S.
fest geb.