Und hab am Gras mein Leben gemessen
Johannes Kühn hatte bereits viele Gedichte in regionalen Kleinverlagen veröffentlicht, bis er auch von dem Münchner Hanser-Verlag entdeckt wurde. Heute haben seine Gedichte unter Lyrik-Kennern einen großen Ruf. In seinem neuen Band umkreist er
immer wieder das Thema "Alter und Abschied", aber in einer immer sehr diskreten, vor allem poetischen Weise. In dem Gedicht "Die Muse flieht" heißt es: "Sie flieht von mir/ mit ihrem blonden Haar/ und läßt mich lustlos liegen ... Ich heb die alten Beine nicht./ Ich hebe keinen Stein,/ ich heb meinen Blick/ entsetzt und alt". Bei allem Eingeständnis der schwindenden eigenen Lebenskräfte, des Verfalls aller Sinne haben die Gedichte von Johannes Kühn immer auch etwas merkwürdig Leichtes, Helles, nie spürt man Bitternis, Verzweiflung, Resignation. "Was wird es geben/ für den alten Mann/ im neuen Jahrhundert,/ im neuen Jahrtausend?/ Vielleicht noch viel!" Und an anderer Stelle die trostreiche Erkenntnis: "Im Alter darf man versagen,/ besonders beim Walzer". Ein schöner Band von dem Schriftsteller, der sich, wie er selber einmal von sich gesagt hat, von einem kleinen Dorf nördlich von Saarbrücken aus, "der Welt mit staunenden Sätzen nähert."
Carl Wilhelm Macke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Und hab am Gras mein Leben gemessen
Johannes Kühn
Hanser (2014)
147 S.
fest geb.