Für die Ungefallenen
Geoffrey Hill ist einer der ganz großen zeitgenössischen Lyriker englischer Sprache, in Deutschland leider kaum bekannt. Auf die Bemerkung, dass seine Gedichte nicht leicht zugänglich seien, hat Hill einmal geantwortet, dass man die leichte Zugänglichkeit
für "Supermarktregale, Wahllokale und Bedürfnisanstalten" erwarten könne, nicht aber von der Poesie. Die Menschen, so Hill mit weiser Ironie, seien nun mal schwierig. Und so macht Geoffrey Hill eben keinerlei Zugeständnisse an die Interessen und die Erwartungen eines Publikums, das Gedichte nur akzeptiert, wenn sie zur Dekoration von Festreden oder von Liebesbekundungen dienen sollen. Fast immer holt Hill weit aus in seinen Gedichten, fordert größte Konzentration bei der Lektüre, erwartet bei seinen Lesern einen langen Atem. Umso erstaunter entdeckt man ganz am Schluss einer irrwitzig labyrinthischen Lektürereise durch eines seiner Langgedichte eine wunderbare, auch "leicht zugängliche", pädagogisch eingängige Leseempfehlung für Lyrik: "Was sollte ein Gedicht sein? Antwort: eine Tröstung aus Trauer und Zorn". Leichter, befreiender, heller kann man die Aufgaben und die Kraft großer Poesie nicht in Worte fassen. Für Büchereien mit größeren Lyrikbeständen sehr zu empfehlen. (Übers.: Werner von Koppenfels)
Carl Wilhelm Macke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Für die Ungefallenen
Geoffrey Hill
Hanser (2014)
Edition Lyrik Kabinett ; 31
170 S.
fest geb.