Das Fest der Bedeutungslosigkeit
Wenn neuerdings der Nabel, ein Körperteil, der bei allen Frauen angeblich identisch aussehe, für den Mann zum Zentrum der "weiblichen Verlockung" geworden sei - nicht mehr die Brüste, die Schenkel oder der Hintern, die sehr individuell seien - dann
sei dies ein untrügliches Zeichen unserer Entindividualisierung. Und dieser Prozess der Entindividualisierung raube dem Einzelnen seine Bedeutung: "Die Bedeutungslosigkeit ... ist die Essenz der Existenz. Sie ist überall und immer bei uns" (S. 137). Dies sei aber kein Grund zum Verzweifeln, sagt einer der Protagonisten in beinahe existenzialistischer Pose; vielmehr gehe es nicht nur darum, "sie zu erkennen, man muss sie lieben, die Bedeutungslosigkeit, man muss lernen sie zu lieben ... Sie ist der Schlüssel zur Weisheit, sie ist der Schlüssel zur guten Laune" (ebd.). Dieser unverkennbar melancholische Stoizismus bildet den Grundtenor dieses "Roman" genannten, fast essayistischen Alterswerks des berühmten Autors ("Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", 1984), dessen Inhalt im Detail fast bedeutungslos erscheint. Die vier Protagonisten spazieren - allein oder zusammen - im Jardin du Luxembourg, flanieren durch die Straßen von Paris, betrachten dort die Statuen berühmter Franzosen, besuchen eine Party (das Fest der Bedeutungslosigkeit), räsonieren über Krankheit und Erotik ... Erzählt werden unvermittelt Anekdoten über Stalin und Chruschtschow. Unverkennbar, dass sich Kundera nicht mehr dem Diktat einer "sorgfältig ausgedachten" Story unterwirft. Jedenfalls ein schwieriger, durchaus zum Nachdenken anregender Text, von teilweise berückender Poesie, der aber nur wenigen Lesern zugänglich sein dürfte. (Übers.: Uli Aumüller)
Das Fest der Bedeutungslosigkeit
Milan Kundera
Hanser (2015)
139 S.
fest geb.