Mein Großvater stand am Fenster und trank Tee Nr. 12

Nicht eine Biografie im klassischen Sinne, sondern "ein Spaziergang durch das Leben ihres Großvaters" sollte es sein und wurde "zu einer langen und aufreibenden Wanderung im Gebirge". Die Enkelin Naomi hatte, als ihr Großvater G.O. Schenck starb, Mein Großvater stand am Fenster und trank Tee Nr. 12 die Rechte an seiner Biografie geerbt, zum Entsetzen der ganzen Familie, die wusste, dass Naomi weder Kenntnisse noch Interesse an Naturwissenschaften hatte. Und ihr Großvater war schließlich ein bedeutender Chemiker. Aber nicht um seine bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen geht es hier. Seine Enkelin Naomi fasst zusammen, was sie an Persönlichem und Allzupersönlichem in den vielen Gesprächen mit Zeitzeugen über ihren Großvater herausfinden konnte und was sie in einen spannend zu lesenden Roman seines Lebens fasste. Von "Aufräumen" ist dabei die Rede. Vieles gestaltet sich dabei völlig überraschend und plötzlich tut sich auf, wie auch im Leben eines unpolitischen Wissenschaftlers die Nazizeit nicht ausgeklammert werden kann. Hier wird mit Klarnamen und unverschlüsselt erzählt, wie es war, wie es dazu kam und wohin es führte. Dafür, dass Naomi die Suche in der Vergangenheit so ernsthaft und gründlich betrieb und geradezu Sensationen aufstöberte, dabei eine literarische Form fand, die sich flüssig und interessant wie eine Familiengeschichte liest, erscheint nur der Titel des Buches, so als wäre es ein Leben im Biedermeier gewesen, nicht angemessen. Die Fakten, die die Autorin berichtet, sprechen eine andere Sprache.

Armin Jetter

Armin Jetter

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Mein Großvater stand am Fenster und trank Tee Nr. 12

Mein Großvater stand am Fenster und trank Tee Nr. 12

Naomi Schenck
Hanser Berlin (2016)

333 S. : Ill.
fest geb.

MedienNr.: 585040
ISBN 978-3-446-25078-9
9783446250789
ca. 22,90 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Na
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