Reisen und andere Reisen
Es gibt Autoren, meistens sind dies Journalisten und Korrespondenten, die Reisebücher verfassen, um damit ihren Lesern ein Land farbig, authentisch und unterhaltsam zu schildern. Und es gibt Autoren, die Belletristik schreiben und dabei zuweilen auch
das Thema Reisen streifen. Dies sollte der Leser in Bezug auf seine Erwartung berücksichtigen, bevor er ein Buch über das Reisen in die Hand nimmt. Antonio Tabucchi gehört zur zweiten Kategorie. Man sollte einerseits also nicht erwarten, in seinem neuesten Buch (das posthum erschienen ist) informative, authentische und plastische Geschichten von Landschaften, Menschen, Kulturen zu lesen. Man könnte es andererseits aber dennoch erhoffen angesichts der literarischen Qualität der Werke eines der wichtigsten italienischen Gegenwartsautoren. Die Texte dieses Buches sind auf Tabucchis Reisen in alle Welt entstanden und in seinen zahlreichen Werken zu finden. Und der Autor schildert hier seine persönlichen Eindrücke, Empfindungen, Gedanken auf seinen Touren in und durch z.B. Italien, Portugal, Frankreich, aber auch Amerika, Indien und Australien. Wer das Buch zur Hand nimmt, um hier den (auf dem Klappentext so apostrophierten) großen italienischen Fabulierer zu lesen, wird allerdings enttäuscht: Die Reisebeschreibungen dienen größtenteils als reiner Hintergrund für künstlerisch-ästhetische Gedanken des Autors, Gedanken, in denen er sich darin gefällt, seine Bildung und Belesenheit zur Schau zu stellen. So wirken die literarischen Spaziergänge durch Lissabon, Barcelona größtenteils blutleer, farblos, unauthentisch, langatmig, seine zuweilen sehr subjektiven Gedanken über Länder und Leute sind zuweilen sogar ärgerlich. Wer nicht gerade ein ausgesprochener Fan Tabucchis ist, den wird die Lektüre dieses Buches recht schnell langweilen. (Übers.: Karin Fleischanderl)
Günter Bielemeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Reisen und andere Reisen
Antonio Tabucchi
Hanser (2016)
251 S.
fest geb.