Sieben Arten von Weiß
Schon die Titel einiger der hier versammelten Gedichte irritieren und machen neugierig: "Training im Nebel", "Nachtrag zu den Seligpreisungen", "Die nigerianische Methode, um beim Scrabble zu gewinnen". Besonders poetisch klingt das alles nicht. Tatsächlich
muss man sich bei der Lektüre dieser Gedichte auf sehr irritierende Verse und Wortspielereien gefasst machen. Aber wer sagt denn, dass Gedichte immer leicht lesbar sein und uns auf "schöne Gedanken" bringen müssen? Bei der Lektüre dieser Gedichte ist die Fantasie der Leserinnen und Leser wirklich sehr gefordert, um den Inhalt, die Intention des Geschriebenen zu verstehen. In dem Titelgedicht wird erst in den allerletzten Zeilen erkennbar, was diese "sieben Arten von Weiß" sein könnten. "... ein Gramm Hefe, ein neues Blatt am Falz geöffnet, Bonbons mit Pfefferminzgeschmack, eine Decke von Nebel und aus Gips ganz die Wolken in der doppelten Semantik des Salzes." Vielleicht sollte man vor der Lektüre des Bandes zunächst das Nachwort von Jan Wagner, einem der Übersetzer der Gedichte, lesen. Der Autor, so werden wir aufgeklärt, schreibt nicht nur Gedichte, sondern forscht an der Wiener Akademie der Wissenschaften. Über was er forscht, wird auch in dem Nachwort nicht so richtig klar. Um diesen Gedichtband in allen seinen Tiefen auszuloten, muss man schon sehr vertraut sein mit moderner Lyrik, ihrer Sprache, ihren Metaphern, ihren Bezügen, ihren Vorbildern.
Carl Wilhelm Macke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Sieben Arten von Weiß
Federico Italiano ; aus dem Italienischen von Raoul Schrott und Jan Wagner ; mit einem Nachwort von Jan Wagner
Hanser (2022)
144 Seiten
fest geb.