Verlorene Sterne
Tommy Orange, Angehöriger der Cheyenne und des Arapaho-Volkes, schreibt in seinem dokumentarischen Roman die Biografien zweier Cheyenne, zwischen deren Leben gut 150 Jahre liegen: Jude Star wird 1864 beim Kampf von Sand Creek aus seinem vertrauten
Leben gerissen und erlebt in der Gewalt der Weißen eine Entfremdung von seiner Kultur und Identität, die so brutal ist, dass er dem Alkohol verfällt. Anderthalb Jahrhunderte später kämpft sein Nachfahre Orvil Red Feather mit denselben Problemen: Diese machen ihn abhängig von Schmerzmedikamenten, mit denen er seinen Schmerz zu betäuben versucht. Absolut authentisch und damit überaus bedrückend beschreibt Orange den verzweifelten Kampf beider junger Männer um ihre kulturelle und persönliche Identität und den Kampf gegen die aufgezwungene Entwurzelung. Direkt im 19. Jh., als die Cheyenne von den Weißen rücksichtslos und bewusst ihrer angestammten Kultur beraubt oder gar umgebracht wurden; indirekt heute, wo eine die Belange der Cheyenne außer Acht lassende "weiße Kultur" ein Leben in indianischer Identität indirekt, aber umso nachhaltiger unterbindet. Oranges Roman zeigt eindrücklicher als jede Dokumentation, wie sich in den letzten 150 Jahren nichts an der Unterdrückung und Marginalisierung der nordamerikanischen Ureinwohner geändert hat. Ein Roman, der nachdenklich macht. Allen Beständen zu empfehlen.
Günter Bielemeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Verlorene Sterne
Tommy Orange ; aus dem Englischen von Hannes Meyer
Hanser Berlin (2024)
303 Seiten
fest geb.