Die Entblößten
Die alleinerziehende Sabrina verletzt während des Unterrichts einen Schüler. Sie fragt sich später, wie es dazu kommen konnte, wohin das System sie getrieben hat. Der studierte Literaturwissenschaftler Paul hofft lange vergebens auf eine Stelle
in einem Universitätsbetrieb. Nach zahlreichen Gelegenheitsjobs zieht er, Paris müde, in eine abgelegene Gegend in der Ardèche; dort wird er Fleischer in einem großen Supermarkt. Er freundet sich mit Aurélien an, der in der Gegend mit Frau und Tochter in siebter Generation einen Kastanienhof betreibt. Und alle drei werden von den Verhältnissen nachgerade zerstört. Sabrinas Privatleben ist den Herausforderungen der immer inhumaner werdenden Gesellschaft nicht gewachsen. Der Mann verlässt sie, später will auch ihre Tochter nichts mehr mit ihr zu tun haben. Paul scheitert an der abgehobenen, mondänen Gesellschaftsstruktur, die ihn, den Sohn einfacher Leute, den Klassenunterschied permanent spüren lassen. Der Kastanienbauer verzweifelt an den zunehmenden, vornehmlich EU-gesteuerten Auflagen. Ein Student, der sich das Studium nicht mehr leisten kann und der von jungen Leuten aus Schickeriakreisen vergewaltigt wird, verbrennt sich vor dem Parlament. Sowohl die Verbrennung als auch die heimlich gefilmte Vergewaltigung gehen viral, was in der Öffentlichkeit unterschiedliche Reaktionen auslöst. Die Präsidentin hält eine Rede, in der sie die Protestierenden als linksradikale Unruhestifter verteufelt. Die aufflammenden Proteste der abgehängten, verzweifelten, nun aufstehenden Massen werden brutal unterdrückt. – Dieser dystopische Roman zeigt auf, wohin es führt, wenn Profitgier (vornehmlich von Großkonzernen) jegliche Individualität erstickt. Es ist ein Roman, der scharfzüngig und schonungslos offen vor den Folgen eines entfesselten Kapitalismus warnt; es gibt deutliche Anklänge an die Gegenwart, nicht nur in Frankreich: ein gesellschaftliches Pulverfass. Eine Geschichte, die betroffen macht. Sehr lesenswert.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Entblößten
Marion Messina ; aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Hanser (2024)
170 Seiten
fest geb.