Venezianisches Idyll

Man könnte diesen Roman einreihen in die Reihe der Literatur, die auf Thomas Manns "Tod in Venedig" Bezug nimmt. Doch anders als beim Altmeister hat Hesselholdts Protagonistin Gustava – sie ist tatsächlich nach Gustav von Aschenbach benannt, weil Venezianisches Idyll sie laut Familienerzählung am Lido von Venedig gezeugt worden ist – zwar die Novelle im Kopf. Sie reist aber nach Venedig, um ihre Lebensfreude wiederzuentdecken. Zuvor hatte ihr Weg nach Norden geführt, nach Tromsø, die Stadt der Polarlichter, um dort die Konsequenz aus ihrem Lebensüberdruss zu ziehen und sich das Leben zu nehmen. Im Flieger entdeckt sie ein Objekt ihres Begehrens, das sie übergriffigerweise sogar berührt – ein erster Wendepunkt. Sie steht in ständigem Kontakt mit ihrem Bruder, der sich um die ältere Schwester zu sorgen beginnt. Bisher hatte sie stets zuverlässig die Rolle ausgefüllt, die seelische Lage des einsiedlerisch lebenden Mikael zu stabilisieren. Nun verlässt zum ersten Mal seit Jahren er sein Haus, um ihr hinterher zu reisen, und versucht, sie anhand einer Liste von Orten aus dem "Tod in Venedig" zu finden. Wie auf einem Spielbrett bewegt die Autorin ihre Figuren in der Stadt. Der Roman wird aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt: Gustavas, der ihres Bruders Mikael und der eines "Erzählers", der die Rolle eines halb wissenden, halb entdeckenden Beobachters einnimmt. Das fordert vom Leser die Bereitschaft, sich auf eine etwas ungewohnte Erzählweise einzulassen. Auch stilistisch erzählt Christina Hesselholdt mit eigenwilligen Mitteln: ihre Figuren sind beinahe comicartig überzeichnet, die Autorin treibt kleine Späße mit ihnen, und doch werden sie von ihr in ihren seelischen Nöten ernst genommen. So schafft sie eine bunte, humorvolle, manchmal auch schrille Oberfläche, um darunter die menschlichen Nöte ihrer Protagonisten zu schildern. Empfohlen für Büchereien mit Lesern für modern erzählte Literatur.

Gabriele Hafner

Gabriele Hafner

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Venezianisches Idyll

Venezianisches Idyll

Christina Hesselholdt ; aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Hanser Berlin (2025)

191 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 621449
ISBN 978-3-446-28249-0
9783446282490
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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