Große sind Schisser
Die Ich-Erzählerin betrachtet ihre eigene Familie und die Familien ihrer Freunde, sodass sich das Bild einer multikulturellen Nachbarschaft in einem Wohnblock zusammenfügt. Mit erfrischender kindlicher Naivität erzählt die Protagonistin von Erwachsenen,
die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen fürchten: aus Aberglauben, weil sie Vorbehalte gegen Ausländer haben ("Sie hat Angst vor Bärten"), weil sie Angst vor dem Zahnarzt haben oder sich fürchten, wenn die Kinder in den Bäumen klettern ("Dabei sind wir Kinder noch nie irgendwo heruntergefallen!"). – "Große sind Schisser" von Sybille Hein steckt voller Wahrheiten. Durch die Kinderperspektive werden alle Ängste gleichwertig betrachtet – und auch behandelt. Der bärenstarke Onkel, der sich im Schrank versteckt, wenn er zum Zahnarzt soll, ist genauso ein Angsthase wie die Nachbarin, die vor Schreck die Tür zuschlägt, wenn bärtige Männer vorbeigehen – Ängste, die Erwachsene ganz unterschiedlich bewerten würden. Der Onkel wird zum Zahnarzt gezerrt, die ältere Dame wird von den Kindern geheilt – indem sie einfach bei ihr klingeln, sich künstliche Bärte ankleben und ihr erklären, dass man sich vor Bärten nun wirklich nicht fürchten muss. Und da sich die alte Dame nicht vor Kindern fürchtet (und vor Bärten eigentlich auch nicht), hat sie dann auch keine Angst mehr vor deren Eltern. Neben der tiefsinnigen, anregenden, aber vor allem witzig erzählten Geschichte betrachten die Leserinnen und Leser gleichzeitig ein Wimmelbuch, dessen individuell gestaltete Seiten die Geschichte in Bildern weitererzählen. Ein ganz tolles Buch für neugierige Kinder und Erwachsene, die nicht nur gern vorlesen, sondern auch länger auf jeder Seite verweilen möchten und Lust haben, sich über das Gelesene zu unterhalten.
Daniela Kern
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Große sind Schisser
Sybille Hein
Hanser (2025)
[56] Seiten : farbig
fest geb.
Borromäus-Altersempfehlung: ab 4