Der Fluss der Zeit
Jede einzelne der fünf Erzählungen führt das Fühlen und Denken des jeweiligen Protagonisten meisterhaft vor Augen und lässt tief in die Handlung eintauchen. Ein älterer Herr verkauft aus Vernunftgründen sein Haus, in dem er seit seiner Kindheit
lebte. Am Tag der Schlüsselübergabe wartet das junge Paar, das sich bereits auf den Einzug freut, äußerst einfühlsam und geduldig, bis er sich lösen kann. In der nächsten Geschichte lernt ein junges Paar einen begabten, aber noch unbekannten Musiker kennen. Mit ihren finanziellen Möglichkeiten wollen sie ihn unterstützen, als er mit gebrochenem Finger und Wohnungskündigung in eine Perspektivlosigkeit zu versinken droht. Aber kann der junge Mann die Hilfe auch annehmen? Ein anderer Text handelt davon, was in einem älteren Mann vorgeht, der über das lange Osterwochenende auf das Laborergebnis seiner Gewebeprobe warten muss. Dann beobachtet jemand in einem Urlaubsort, wie sich ein Mann über die Balkonbrüstung seiner Ferienwohnung stürzt. Durch seine Aussage bei der Polizei kommt er in Kontakt mit Frau und Sohn des Suizidopfers und versucht, sich ein Bild von dessen Beweggründen zu machen. Mit der Geschichte eines Sprachwissenschaftlers, der in der Stadt seiner Studentenzeit der Vergangenheit nachspürt, endet der Reigen der Erzählungen. In der Summe handelt es sich um bereichernde, einfühlsame Kurzgeschichten des bekannten Philosophen Peter Bieri, geschrieben unter seinem nicht minder bekannten Pseudonym Pascal Mercier (u.a. "Nachtzug nach Lissabon"). Mit knapp über 100 Seiten liegt ein schmales Büchlein vor, das trotz des dafür vermeintlich hohen Preises beste Empfehlung für alle Büchereien verdient.
Gabriele Berberich
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Fluss der Zeit
Pascal Mercier
Hanser (2026)
104 Seiten
fest geb.