Ultramarin
Rafael, genannt Raf, und seine Schwester Sophie verlieren mit acht Jahren ihre Mutter. Ihr Vater schweigt sich in sein Witwersein hinein und überlässt die Kinder sich selbst, beaufsichtigt von Au-Pair-Mädchen. In der Schule treffen sie später auf
Lou, der nach der Trennung seiner Eltern allein durchs Leben mäandert. Die drei gehen eine Zweckgemeinschaft ein. Lou sorgt dafür, das Raf morgens pünktlich zu Schule kommt, und erhält im Gegenzug Nachhilfe. Bis zum Abitur geht das so, inzwischen sind Raf und Lou ein sehr ungleiches Paar, probieren sich sexuell aneinander aus, profitieren vom Geld der Geschwister. Diese nehmen Lou, kostenfrei, gegen Küchen- und Haushaltsdienstleistungen, jährlich mit in den Sommerurlaub. Während sich die Geschwister in verschiedensten Studienfächern ausprobieren, Sophie gegen den Klimawandel kämpft, startet Lou eine Bäckerausbildung. Die Ungleichheit auf nahezu allen Ebenen eskaliert erneut beim aktuellen Urlaub im alten Ferienhaus der Familie. Raf weitet seine sexuelle Befriedigungsaktivitäten auch auf Nora aus, die mitreisende Freundin seiner Schwester. Auch dadurch probiert er Machtoptionen aus und manipuliert Lous Sehnsucht nach einer stabilen Beziehung. Bei dem Versuch, Nora aus dem Weg zu schaffen, kann diese sich zur Wehr setzen, Raf kommt zu Tode. – Der Erstling Ann-Christin Kumms zeichnet das Bild der Suche nach einer heilen Welt durch emotional verwahrloste Jugendliche. Geld und äußere Fülle helfen nicht, sondern potenzieren die Leere. Die sprachliche Härte des Textes entspricht der Schwere des dargestellten Stoffes.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Ultramarin
Ann-Christin Kumm
Hanser Berlin (2026)
223 Seiten
fest geb.