Im Sehnsuchtsbereich
Religion und Literatur können Geschwister sein in punkto Empfindsamkeit, vor allem in der Sehnsucht nach dem Unbedingten, einer Erlösung gar. Wenn, wie heute, Glaubenswelten blass werden, kann die Dichtung einige der Aspekte dieses Sehnens weitertragen.
Tod, Gott, Ewigkeit, Sünde, Liebe, Scheitern, um nur einige zu nennen. Der evangelische Theologe Karl Tetzlaff erkundet diese Spuren in insgesamt zehn Kapiteln. Jedes einzelne ist einem namhaften modernen Autor gewidmet, von Nobelpreisträgern (Jon Fosse, Annie Ernaux) bis zu Publikumslieblingen (Herbert Grönemeyer, Wolfgang Herndorf). Das Buch vereinigt die seit 2022 separat erschienenen Artikel nun in einem Band. Freunde zeitgenössischer und zugleich exzellenter Belletristik finden hier eine Sammlung an Kostbarkeiten. Der Autor führt mit frischem Blick und einer beneidenswerten Literaturkenntnis durch leicht zu überlesende Aspekte. Verbindungen werden geknüpft zu Kirchenvätern und mittelalterlichen Mystikern, klassische Motive der Romantik strahlen plötzlich hell aus Adoleszenzromanen unserer Tage. Wie es scheint, zieht das Ewige und Unerklärbare gerade die Agnostiker und Atheisten magisch an. Jedes Kapitel will einzeln durchschritten sein, Zeit fürs Nachspüren dann sei jedem Erkundenden empfohlen. Ein Augenöffner fürs Schöne, Göttliche und letztlich Unbegreifliche. Das Werk ergänzt jeden ambitionierten Literaturbestand.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Im Sehnsuchtsbereich
Karl Tetzlaff
Herder (2026)
Poetikdozentur Literatur und Religion ; Band 9
190 Seiten
fest geb.