Heilige Momente
Den Sonntag als Tag der Auferstehung Christi im Gottesdienst zu feiern, gehört zu den zentralen Merkmalen des christlichen Glaubens. So gut und wichtig diese Praxis ist, lauert darin allerdings immer auch eine gewisse Gefahr: das Religiöse auf den
Sonntag zu beschränken und aus dem Alltag auszuklammern. Und das hat nicht nur eine moralische Komponente – schon im Ersten Testament beklagt sich Gott, es sei sinnlos, ihn im Gottesdienst zu verehren, wenn man im Alltag seine Gebote nicht einhalte –, sondern auch eine spirituelle: Gott ist nicht ausschließlich in der Kirche, sondern immer und überall zu finden und will dem Menschen begegnen. Der Theologieprofessor Stephan Wahle möchte mit seinem Buch „Heilige Momente“ den Blick auf jene Augenblicke lenken, in denen sich etwas ereignet, das über den Augenblick hinausweist, die Gottes Gegenwart im Alltag spüren oder zumindest erahnen lassen. Dabei geht es gerade nicht um große Ereignisse in unserem Leben, sondern um ganz unscheinbare alltägliche Situationen, die sich dennoch als heilige Momente erweisen können. Zwar können wir – das ist dem Autor wichtig – solche Begegnungen und Ereignisse, in denen sich das Heilige zeigt, nicht erzwingen, aber wir können daran arbeiten, für heilige Momente offen zu werden, in der Bereitschaft, „das Vertraute neu wahrzunehmen“ und „die Erfahrungen des Alltags auch auf Gott hin zu lesen“. Die einzelnen Betrachtungen verschiedener Vollzüge des Alltags sind gegliedert nach dem Tages- und auch Jahreslauf, von „Beginnen und Aufbrechen“ über „Arbeiten und Wirken“ bis zu „Innehalten und Unterbrechen“. Ebenso geht es aber auch um Gemeinschaft und Erinnerung, Orientierung und Staunen, um die Grenzen des Lebens und die Rhythmen der Jahreszeiten. Die meisten der Texte sind als Kolumnen in der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ erschienen und umfassen daher jeweils zwei Seiten, so ist das Buch bestens geeignet, in Abschnitten gelesen zu werden – auch ohne die Reihenfolge einzuhalten, sind es doch sehr konkrete Einzelerfahrungen, die beschrieben werden: Morgenzeitung, Berufsverkehr oder Aufräumen, Schnee schippen, Gassi gehen, Fotoalbum oder Drachensteigen, um nur einige zu nennen. Im Letzten geht es tatsächlich darum, alles, wirklich alles als „Raum der Liebe Gottes in der Welt“ sehen zu lernen. Um eine Engführung des Begriffes „heiliger Moment“ zu vermeiden, hält Stephan Wahle fest: „Heilige Momente sind keine Höhepunkte, sie sind Unterbrechungen“. Christlicher Glaube geht davon aus, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, gelitten hat und gestorben ist. So kann man auch in Krankheit und Leid heilige Momente erfahren, nämlich „dass Gott nicht ‚trotzdem‘ da ist, wenn das Leben zerbricht, sondern gerade dort. Nicht als Antwort, sondern als Gegenwart.“ Das Buch beansprucht nicht, Patentrezepte für spirituelle Erfahrungen zu geben, es möchte vielmehr seinen Lesern helfen, die Augen zu öffnen für heilige Momente im Alltag – und das gelingt ihm mit seinen vielen ebenso anschaulichen wie überzeugenden Beispielen zweifellos. Diese Beispiele können dazu anregen, in anderen Situationen ähnliche Erfahrungen zu machen bzw. sehen zu lernen und so langsam immer mehr eine spirituelle Haltung einzunehmen. Ein kleines Buch, das jedoch eine große Wirkung zu entfalten vermag. (Religiöses Buch des Monats November)
Heilige Momente
Stephan Wahle
Herder (2026)
125 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats