Genie und Gewissen
Das Buch des oft umstrittenen Historikers Michael Wolffsohns analysiert Herbert von Karajans Verstrickung in den Nationalsozialismus sachlich und dabei engagiert für wissenschaftliche Präzision wie für Antisemitismus. Es geht Wolffsohn nicht um
Anklage oder Reinwaschung, Schwarz oder Weiß. Geradezu penibel recherchiert er die Fakten, gibt Kurzporträts der Entourage Karajans, meist jüdische Musiker und Musikagenten wie der Konzertmeister Michel Schwalbé, wendet sich öfter an den „geneigten Leser“, die trockene Geschichtswissenschaft mit persönlichen Hinweisen und einem kleinen Exkurs zum Gaza-Krieg aufzulockern. Mehr als Karajan die Nationalsozialisten haben diese ihn gebraucht, so der Autor. Immer darauf bedacht, die Qualität, die Vielgestalt der Analyse zu wahren, zeichnet Wolffsohn den Dirigenten als karriereorientierten „Formalnazi“ ohne Bindung an die NS-Ideologie und räumt dabei mit fast allen Vorurteilen gegenüber dem NSDAP-Mitglied Karajan auf. Kämpferisch ohne Verbissenheit, meistert Wolffsohn den Spagat zwischen persönlich gehaltenem Interesse als deutsch-israelischer Jude an dem Gegenstand und dessen fachlich differenzierter Würdigung. So er an dem Genie in seinem „Wolkenkuckucksheim“ keine Nazigesinnung und keine Täterschaft finden kann (einen „Homo Apoliticus“ nennt ihn der Autor), schließt sein Buch auch mit dem „Urgedanken der Religionen“ – „Umkehr, Milde, Nachsicht und Versöhnung“ (S. 298). – In seiner lesenswerten Form, dem Stand seiner Reflexion und Forschung ist das Buch allen dringend anzuraten, die über Geist und Gewalt, Musik und Nationalsozialismus informiert sein wollen. Das gilt nicht bloß für die Feinde wie Freunde Karajans. Daher ist das Buch für wache Zeitgenossen und Musikbestände sehr empfehlenswert.
Helmut Krebs
rezensiert für den Borromäusverein.
Genie und Gewissen
Michael Wolffsohn
Herder (2026)
361 Seiten : Illustration
fest geb.