Nach der Nacht
Das Buchprojekt verknüpft die Erfahrungen von Holocaustüberlebenden mit der aktuellen politischen Lage, in der Rassismus und Demokratiefeindlichkeit wieder aufleben. Wenn eine dauerhafte Krisenstimmung auf ein neues Massenmedium trifft, dann haben
es Demagogen und Desinformation leicht, so resümieren die Autoren in ihrer Einleitung. In einer solchen Phase der Geschichte habe man sich bereits in den 1920er-Jahren befunden. Doch sollte unsere Erinnerungskultur uns nicht vor den Fehlern der Vergangenheit schützen? Lange hat sich unsere Erinnerung nach dem Prinzip des "Nie wieder” auf die Fragen nach dem Erlebten der Zeitzeugen beschränkt. Die beiden Macher des erfolgreichen Films “Führer und Verführer” (2024) gingen bei ihren Zeitzeugeninterviews nach einem ähnlichen Prinzip vor und ließen die Holocaustüberlebenden berichten. Die Historiker luden erneut die sieben Zeitzeugen für ein Interview ein, diesmal wollten sie andere Fragen stellen und fragten nach ihrer Vision für die Demokratie und deren Zukunft. Die Holocaustüberlebenden wie Eva Umlauf, Margot Friedländer oder Elly Gotz äußern sich in diesen Interviews besorgt über politische Entwicklungen und sind dennoch hoffnungsvoll. Die Autoren und die Überlebenden plädieren für Empathie, Menschlichkeit und eine aktive Erinnerungskultur, die über bloßes Gedenken hinausgeht. Die Vision der Holocaustüberlebenden wird am Ende des Buches als Lösungsansatz ausformuliert, darunter sind Forderungen nach mehr demokratischer und digitaler Bildung. – "Nach der Nacht" ist ein starkes Plädoyer gegen den aktuellen Rechtsextremismus und eine Aufforderung, aus der Geschichte zu lernen. Die beeindruckenden Interviews entfalten auf wenigen Seiten eine positive, kämpferische Kraft. In politisch schwierigen Zeiten sollte der schmale Band eine Pflichtlektüre für jeden darstellen.
Sebastian Heuft
rezensiert für den Borromäusverein.
Nach der Nacht
Joachim A. Lang & Thomas Weber
Herder (2026)
191 Seiten : Illustrationen
fest geb.