Etwas fehlt
Es fehlt die Liebe - oder wenn sie sich einstellt, wie hin und wieder bei Richard, dem gut aussehenden Sohn der verwitweten Erzählerin, dann hält sie nicht lange vor! Und deshalb handelt es sich bei diesem schmalen, locker hingetupften, wie mündlich
erzählten Text in jeder Hinsicht um ein recht melancholisches Stück Literatur. Esther lernt Leon, einen äußerlich nicht besonders attraktiven 72-jährigen Witwer kennen. Er sucht eine Reisegefährtin. "Er sei sehr einsam seit dem Tod seiner Frau vor drei Jahren." (S. 17) Sie nennt ihn "Verehrer" und lässt sich in Ermangelung von etwas Besserem auf ihn ein. Sie verbringen mehrere Jahre in freundschaftlicher Verbundenheit, zu einer sexuellen Beziehung kommt es nicht, obwohl beide eigentlich eine Liebesbeziehung ersehnen. Aber keiner fühlt sich in dieser Hinsicht zum andern hingezogen, wohl auch, weil im Hintergrund das Bild des verstorbenen Partners noch lebendig ist. Als Leon schließlich eine andere Frau findet, ist Esther dennoch tief verletzt und in ihrer Weiblichkeit gekränkt. "Stellvertretend" begleitet sie das Liebesleben ihres Sohnes und seine immer nur kurzen Affären. - Gerade wegen seiner formalen Kunstlosigkeit und lebensnahen Alltäglichkeit ein spröder, aber auch faszinierender Text über Menschen die Liebe suchen und sie nicht finden. (Übers.: Barbara Schaefer)
Etwas fehlt
Tecia Werbowski
Atlantik (2015)
121 S. : Ill.
fest geb.