Die Filmerzählerin
Ein 16-jähriges Mädchen erzählt, wie sie schon als Zehnjährige ihren gehbehinderten und von seiner Frau allein gelassenen Vater und seine vier älteren Brüder mit ihrer Kunst begeistert hat, Kinofilme mit Gesten, Mimik und Gesang so mitreißend
nachzuerzählen oder, besser gesagt, vorzuspielen, dass man sich das Geld für eine teure Kinokarte sparen konnte. Diese Kunst der jungen Mitbewohnerin der armen und gottverlassenen Arbeitersiedlung inmitten des trostlosen Salpeterabbaugeländes in der chilenischen Atacama-Wüste spricht sich schnell herum, und die Familie richtet in ihrem ärmlichen Wohnraum einen Kinosaal ein und erbittet von den immer zahlreicher werdenden großen und kleinen Besuchern als Eintritt eine freiwillige Spende für die mitreißenden Filmschauen. Die Protagonistin schildert liebenswert die einzelnen Schritte ihrer Entwicklung zur dörflichen Ein-Mann-Mimin und deren Untergang zur Bedeutungslosigkeit und deprimierenden Alltäglichkeit in dem Augenblick, als in der Siedlung der erste Fernsehapparat aufgetaucht ist und sich alle Neugier auf die täglich neuen Überraschungen aus der Flimmerkiste konzentrierte. - Das unterhaltsame Buch ist auf seine Art auch ein Abgesang auf die "guten alten Zeiten". Für jede Bücherei eine liebenswerte Bereicherung. (Übers.: Svenja Becker)
Georg Bergmeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Filmerzählerin
Hernán Rivera Letelier
Insel-Verl. (2011)
104 S.
fest geb.