Adieu, Sir Merivel
Für einen Leser, der die gefeierte Schriftstellerin und ihren verfilmten Roman "Zeit der Sinnlichkeit" nicht kennt, erscheint ihr neues Werk als ein Historienroman unter vielen; die meisten Figuren sind Typen mit wenig Eigenschaften; der Held ist
eine oberflächliche Durchschnittsperson, die etwas Halt findet am (verstorbenen) Freund Pearce und dem bejahrten Diener Will. Robert Merivel, Sohn eines Handschuhmachers, erringt als "Hundearzt", Hofnarr und Scheinehemann einer Mätresse die Gunst des englischen Königs, der ihn mit einem Adelsdiplom und einem Landsitz beschenkt. Als er dessen Gnade verliert, reist er nach Frankreich, verliebt sich in die verheiratete Louise, übersteht ein Duell, wird als Arzt ans Sterbebett seines Königs gerufen, verunglückt mit einer Kutsche, muss erleben, dass sein Gut gänzlich heruntergewirtschaftet ist, und stirbt auf einem Haufen schmutziger Kleider. Zwischendurch kann er seine innig geliebte Tochter Margaret standesgemäß einem unehelichen Sohn des Königs versprechen. - Mit häufigerem Wechsel der Erzählperspektive käme Leben und Dynamik in die Erzählung. Im Verlauf der Handlung wird jedoch ein Schlaglicht auf das Gesundheitswesen und die Behandlung von sozial Schwachen und Alten zur Barockzeit geworfen und dem Leser ein Sittengemälde des 17. Jh. vermittelt.
Bernhard Grabmeyer
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Adieu, Sir Merivel
Rose Tremain
Insel-Verl. (2013)
445 S.
fest geb.