Kinder der Stadt
Das Berliner Museum für Identität und Wiedervereinigung will im Coronaherbst 2019 seine Eröffnung mit einer Performance feiern, die die Diversität der (Nach-) Wendezeit in Berlin ins Bild bringt. Orhan, Sohn einer türkischstämmigen Familie und
aufstrebender Jungregisseur, nimmt den Auftrag mit Irina, Juristin und Autorin, an. Sie kennen sich aus Jugendzeiten in denen sie zusammen mit der Ostberlinerin Maria, heute Kommunalpolitikerin der Linken, sich auch im experimentellen Theater ausprobiert haben. Diese Zeiten 2006 bis 2013 bilden den zweiten Erzählstrang des Romans, aus dessen biografischen Elementen Irina den Text für die Performance schreibt. Auch durch ihre Erfahrungen und Verletzungen mit Alkohol, Drogen, familiärer Gewalt, Magersucht sind die drei so aneinandergekettet, dass kein miteinander reflektierter Handlungsverlauf entstehen kann. Sie springen in ihren Alltagsaktivitäten noch in den alten Mustern hin und her, vieles bleibt unfertig, verwundet und offen für neue Verletzungen. Ihr eigenes Scheitern bei der Entwicklung der Performance wird gesteigert durch die Pandemieunsicherheiten und die Versuche des Museums, Einfluss auf ihr Stück zu nehmen, was schließlich zum Abbruch der Zusammenarbeit führt. - In raschem Erzähltempo führt die bisher als Dramatikerin bekannte Autorin, aktuell Rechtsreferendarin, durch Tiefenschichten und Sinnsuchen junger Menschen und ihrer Herkunftsfamilien. Der Roman entstand offensichtlich aus einem spektakulär misslungenen Theaterprojekt von Bach alias Irena und dem Berliner Regisseur Ersan Mondtag alias Orhan. - Herausfordernd und empfehlenswert.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Kinder der Stadt
Olga Bach
Kiepenheuer & Witsch (2023)
346 Seiten
fest geb.