Brennen
Der jüdische Icherzähler D. hat es geschafft: Nachdem er mit den Eltern von Russland über Berlin nach Israel ausgewandert war, verbrachte er dort Kindheit und Jugend mit seinem Freund Tyler. Für diesen war das Militär die logische nächste Station
nach der Schulausbildung. D. zog es 2008 wieder nach Berlin, erst in das Großstadtleben im ‚Tacheles', dann zur Schauspielausbildung. Spätestens mit dem Auftrag, im Oktober 2023 in einem Theaterstück in den USA einen von einem Nazi geretteten Juden zu spielen, ist er zumindest beruflich seinem Lebensziel mitten in der Realität der jüdischen Community nähergekommen: in einem Universum "voller Unsicherheit und Fremdheit". Der Überfall der Hamas auf israelische Siedlungen und auf ein Musik Festival am 7. Oktober 2023 bringt ihn wohl dazu, Tyler zu schreiben. Die Briefe landen bei dessen Mutter, nachdem Tyler 2009 im Kampfeinsatz ums Leben gekommen war. D. Lebenszweifel, nach der Trennung nichts für den Freund getan zu haben, brechen in einem langen Aufenthalt in Kalabrien 2020 auf: Eine eher zufällige Gruppe von vier Männern und zwei Frauen debattiert, wetteifert, streitet miteinander um die Sinnfragen des Individuums, des Universums, menschlicher Liebe und Lust. Es sind die Mütter der beiden Jugendfreunde, die sich für das Leben entscheiden und es gewinnen. – In seinem leidenschaftlichen, temporeichen, autobiografischen Werk gelingt dem mehrfach ausgezeichneten deutschen Schauspieler Donskoy auch sein Romandebüt. Eine berührende Freundschaftsgeschichte in einer Welt, die auf wertebasierte Ordnungen kaum noch setzen kann. Sehr empfehlenswert.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Brennen
Daniel Donskoy
Kiepenheuer & Witsch (2025)
318 Seiten
fest geb.