Alles ist grün
Die fünf höchst unterschiedlichen Geschichten des durch seinen Monumentalroman "Unendlicher Spaß" (BP/mp 10/139) berühmt gewordenen amerikanischen Autors (1962 - 2008) haben einen gemeinsamen Nenner, dass nämlich stets vom Scheitern von Beziehungen,
Misslingen von Vorhaben oder sogar vom Tod gehandelt wird. Und das Misslingen zeigt sich auf der Symbolebene z.B. durch das Versagen der Technik (Herd, Automobil) oder durch eine völlig verschiedene Interpretation der Gegebenheiten: "Alles ist grün, sagt sie. (...) Aber alles ist nicht grün" (S. 74), auf der erzählerischen Ebene durch einen ausgeprägten Dekonstruktivismus. Das Buch ist keine beiläufige Bettlektüre, obwohl einer der Protagonisten - quasi als Advocatus Diaboli - meint: "Eine Erzählung soll dich auf Händen ins Bett tragen." (S. 208) Für Wallace-Texte gilt dies nicht, stellen sie doch z.T. höchste Anforderungen an die Konzentration, das Durchhaltevermögen und die Allgemeinbildung des Lesers, denn dem pessimistischen Grundgefühl (Wallace beendete, von schweren Depressionen heimgesucht, sein Leben selbst) entspricht hier eine teils extrem dekonstruktivistische Erzählweise. Jede Form von homogener, irgendwie verbindlicher Erzählersicht ist dem Autor offenbar suspekt. Und das narrative Element wird häufig in den Hintergrund gedrängt, wird durch Abweichungen, Diskurse über das Erzählen etc. fast zum Verschwinden gebracht. "Undurchdringlich (+) Scheißschwer zu lesen (+) und manchmal langweilig (+) verkopft und gleichzeitig infantil. Masturbatorisch" (S. 207) sagt wiederum einer der Protagonisten selbstquälerisch. Möglich, dass viele Leser zumindest die letzte Story genauso charakterisieren würden. Dass Wallace dennoch als grandioser Erzähler und sprachlicher Experimentator bezeichnet werden kann, wird nicht zu bestreiten sein. Deshalb eine lohnende Herausforderung für literarisch ambitionierte Leser! (Übers.: Ulrich Blumenbach)
Alles ist grün
David Foster Wallace
Kiepenheuer & Witsch (2011)
267 S.
fest geb.