Unser Ole
Das ist eine wirklich schräge Geschichte, die Katja Lange-Müller uns mit satirischer Feder anträgt: Die fast 80-jährige Ida, die als Model für Seniorinnen immer noch gewinnend ist, besucht eine neue Bekannte, Elvira, in deren abgelegenem Haus
in der Mark Brandenburg. Sie soll Elviras spätpubertierenden, seit der Geburt hirngeschädigten und autistischen Enkel Ole betreuen. Doch dann geschieht ein Unglück (ist Ole daran schuld, fragt man sich mit dem hinzugerufenen Kommissar), und Ida ist mit Ole allein. Bis dessen Mutter Manuela dazukommt. Nun geht es kunterbunt zu, das Erbe, das Haus, der Sohn: alles wird zum Problem, die belasteten Biografien der Frauen eingeschlossen. Eine weinselige Scheinverschwesterung hilft auch nicht aus der Klemme, keine kann sich bei der anderen „einkratzen“. Mit findigen Bildern gelingt es der Autorin, Konflikte um vermiedene Mutterschaft und fehlende Mutterliebe zuzuspitzen, Schönheit im Alter mit psychologischer Blindheit zu konfrontieren – und die beiden ungleichen Frauen am Ende auf die Suche nach Ole zu schicken. Denn der hat begonnen, seine eigenen Wege zu gehen. Eine auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte über Alters-Prekariat und Mutterschaftsverweigerung, soziale Einsamkeit und emotionalen Tunnelblick, grimmig-komisch, manchmal märchenhaft, manchmal kafkaesk und auf jeden Fall mit gnadenlosem Blick für Scham und Trauma erzählt, eine empfehlenswerte Lektüre.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Unser Ole
Katja Lange-Müller
Kiepenheuer & Witsch (2024)
228 Seiten
fest geb.