Gottes erstaunliche Häuser
In den letzten Jahren hört man immer öfter, dass Kirchenbauten wegen drastisch zurückgehender Gottesdienstbesucherzahlen profaniert und Umnutzungen zugeführt oder sogar abgerissen wurden. So unumgänglich das manchmal sein mag, so bedauerlich ist
es auch, denn Kirchen sind nicht nur Versammlungsräume für Gottesdienstgemeinschaften, sondern können auch von Einzelnen als heilige Orte erfahren werden. „Es ist das Nichtalltägliche, das Unerschließbare, das Kirchen auszeichnet. Ich trete in einen anderen Raum, der immer ein bisschen rätselhaft bleibt.“ Die Theologen Johanna Beck und Stefan Weigand möchten mit ihrem reich bebilderten Band „Gottes erstaunliche Häuser“ ihre Faszination an Kirchenräumen, die berühren und Staunen erwecken, die dem Glauben Raum geben, vermitteln. Dabei ist der Untertitel des Buches natürlich nicht ganz ernst zu nehmen: Man muss gewiss nicht all die 33 in diesem Buch porträtierten Kirchen gesehen haben, um den Glauben neu zu entdecken, und natürlich gibt es außer diesen 33 Kirchen noch viele weitere, die spirituell ebenso inspirierend sein können – aber in jedem Fall haben die von Johanna Beck und Stefan Weigand ausgesuchten Kirchen etwas ganz Besonderes, das sie ohne Zweifel sehenswert und dann auch nachdenkenswert macht. Die Kirchen sind über ganz Deutschland verteilt, eine Übersichtskarte am Ende des Buches zeigt, dass sich die meisten davon jedoch im Westen, der Mitte und im Süden Deutschlands befinden. Und in der Mehrzahl sind es zwar moderne Kirchen und Kapellen – etwa die Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig, die Autobahnkirche Siegerland an der A45, St. Josef in Holzkirchen – oder modern ausgestattete ältere Kirchbauten wie St. Klara in Nürnberg, die Augustinerkirche in Würzburg, Mariä Geburt in Aschaffenburg, aber auch einige sehr alte Kirchen sind dabei wie die Michaeliskirche in Hildesheim, der Aachener Dom oder St. Ägidius in Kleincomburg/Schwäbisch Hall. Johanna Beck und Stefan Weigand beschreiben die Kirchen auf jeweils vier bis sechs Seiten, immer mit einigen Fotos versehen, sie informieren über die wichtigsten Gegebenheiten der jeweiligen Gebäude und die Baugeschichten, schildern aber auch sehr persönlich, wie sie selbst die Kirchen bei ihren Besuchen erlebt haben, warum diese Kirchen eine besondere Wirkung auf sie ausgeübt haben. Dabei können es ganz unterschiedliche Aspekte sein, die in denen, welche die jeweilige Kirche besuchen und sie auf sich einwirken lassen, etwas auslösen: Licht, Raum, Formen, Materialien, Farben, Ornamente, Symbole, Bilder oder Skulpturen, das unvermutete Zusammenwirken mehrerer Komponenten… Man ist nach der Lektüre überrascht, in welch großer Vielfältigkeit konkret sichtbare Gestaltungen subtile Inhalte religiöser Aussagen zu vermitteln vermögen – und dass auf diese Weise der Glaube wirklich auch durch die Sinne bereichert werden kann. Wer dieses Buch gelesen hat, wird nicht nur die beschriebenen Kirchen gerne selbst einmal sehen wollen, sondern einen neuen Blick entwickeln, um damit auch andere – noch nie gesehene oder vielleicht auch längst bekannte – Kirchen anzusehen und dabei neue Entdeckungen zu machen und bestenfalls sogar den eigenen Glauben zu vertiefen.
Gottes erstaunliche Häuser
Stefan Weigand, Johanna Beck
Kösel (2026)
174 Seiten
fest geb.