Als wir im Schnee Blumen pflückten
Máriddja und Biera leben in ihrem heruntergewirtschafteten, alten Haus. Beide sind hochbetagt, über 80. Biera ist hochgradig dement; Máriddja hat gerade die Diagnose Unterleibskrebs erhalten. Der Arzt gibt ihr nur noch einige Monate. Sie will aber
keinesfalls, dass Biera davon erfährt; das würde er trotz seines Zustandes kaum verkraften, und allein lassen kann und will sie ihn schon gar nicht. Sie muss ständig auf ihn aufpassen. Máriddja erhofft sich von ihrem Enkel, der vor Jahren bei ihnen lebte, irgendwie Hilfe. Ihre Telefonate mit Sire in dem Telefonmaschinenapparat bringen ihr letztlich auch nicht den erhofften Beistand. Sire ist Teil der KI, was die alte Frau nicht merkt. Und es gibt neu in der Gegend das Ärztepaar Mimmi und Kaj; sie sind von der turbulenten Stadt in die ruhigere ländliche Gegend gezogen. Im Rahmen ihrer Arbeit bekommen sie dann Kontakt mit dem alten Paar Biera und Máriddja; trotz deren Widerstand ist es Nachbarn und Behörden gelungen, die verwahrlosten Alten in einer Heimeinrichtung unterzubringen. Und dann die große Überraschung für die Beteiligten: Kaj stellt sich als der verloren geglaubte Enkel heraus. – Die Autorin, selbst Sami, arbeitet in die Geschichte immer wieder alte Mythen und Sagen ein, was einen spirituellen Eindruck vermittelt. Die Mythen, der Aberglaube in Sachen Unterirdische und Wechselbalg ist auch nur angerissen, ohne das detaillierter auszuführen. Es gibt gelegentlich Hinweise auf die Zwangsumsiedelungen der Sami vor hundert Jahren, ohne dass dieses Thema konkreter thematisiert ist. – Das ist eine humorvolle und auch eindringliche, zum Nachdenken anregende Geschichte, einfühlsam und ohne Pathos erzählt. Ein Anhang mit der Erläuterung der geschichtlichen Hintergründe wäre sehr angebracht; hier hilft nur eigene Recherche. Der Roman gibt einen Eindruck vom Leben der Samen und ist trotz des etwas ungewöhnlichen Sujets durchaus empfehlenswert und sollte einem größeren Leserkreis gefallen.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Als wir im Schnee Blumen pflückten
Tina Harnesk ; aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
List (2024)
400 Seiten
fest geb.