Immer ich
Die Erzählung der mittlerweile schon mehrfach ausgezeichneten Autorin (trotz eines verhältnismäßig schmalen Oeuvres!) besteht aus neun einzelnen, scheinbar unverbundenen Geschichten. Nach einiger Zeit erschließt sich dem Leser nicht nur, dass
diese durch gemeinsame Figuren lose verknüpft sind, sondern auch, dass die einzelnen Kapitel sich gegenseitig auf subtile Weise ergänzen und interpretieren. An zentraler Stelle wird zum Beispiel von zwei Malerinnen des Impressionismus erzählt: von Berthe Morisot, die mit dem Bruder des Malers Edouard Manet verheiratet war, obwohl sie Edouard Manet selbst liebte, und ihrer konkurrierenden Schwester Edma. Obgleich wir uns damit um 150 Jahre zurückversetzt sehen, wird hier inhaltlich das jedes Kapitel dominierende Thema angeschlagen, nämlich eine unklare und letztlich unerfüllte Beziehung zwischen Mann und Frau. Auf formaler Ebene kommentiert diese Geschichte das erzählerische Verfahren der Autorin (die ja auch ausgebildete Malerin ist) und zwar deshalb, weil ihr Erzählen dem schwebend-pointillistischen Malgestus des Impressionismus sehr ähnelt. Aus unmittelbarer Nähe betrachtet bleibt vieles verwirrend, unscharf, zerfließt in flirrender Uneindeutigkeit, aus größerer Entfernung (z.B. beim wiederholten Lesen) werden Deutungsmuster erkennbar und die hochartifizielle Herangehensweise erschließt sich. Dieser sich auf zwischenmenschliche Beziehungsprobleme der verschiedenen erzählenden Protagonisten reduzierende Text bleibt nicht nur im Persönlich-Subjektiven stecken, er ist insofern von einer gewissen gesellschaftlichen Relevanz, als er in melancholischer Weise die Defizite des modernen menschlichen Miteinanders beschreibt. Für ambitionierte Leser, die wie die Autorin "das DAHINTER (...) das Zwischendrin" (S.52) an der Kunst interessiert und fasziniert!
Immer ich
Alissa Walser
Piper (2011)
157 S.
fest geb.