In den Häusern der Barbaren
Die durch plötzliche materielle Schwierigkeiten ausgelöste Ehekrise eines amerikanischen Mittelschichtpaares aus Los Angeles setzt eine Kette verhängnisvoller Ereignisse in Gang, die schließlich ihren Höhepunkt in einem Prozess wegen Kindesentführung
findet, deren sich Araceli Ramirez, die mexikanische Hausangestellte des Ehepaars Thompson-Torres angeblich schuldig gemacht hat. Tatsächlich liegt die Verantwortung eher bei den beiden Eltern, die freilich vor den Behörden aus Angst vor öffentlicher Bloßstellung peinliche Wahrheiten allzu lange verschweigen. Aber weder die illegal beschäftigte junge Frau noch die Eltern sind tatsächlich "Barbarian Nurseries" (so der treffende, weil die öffentliche Hysterie süffisant karikierende Originaltitel), wie dies die durch eine verantwortungslose Medienkampagne und durch einen fremdenfeindlichen Staatsanwalt aufgehetzte Öffentlichkeit nur allzu bereitwillig glauben will. In der packend-authentischen Darstellung dieser sozialpsychologisch interessanten Eskalation fremdenfeindlicher Ressentiments und in dem psychologisch sehr glaubwürdig beschriebenen Verhalten aller Beteiligten liegt wohl die besondere erzählerische Qualität dieses vielschichtigen und spannenden Gesellschaftsromans. Der Roman ist auch umfangreich genug um die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft eindrucksvoll zu veranschaulichen. Auch deshalb dürfte der zwar konventionell erzählte, aber dennoch inhaltlich und sprachlich herausragende Roman des 1992 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Autors wenig emotionalen Widerstand provozieren, sondern vor allem zum Nachdenken anregen. Nicht nur für amerikanische Leser von großem Interesse! (Übers.: Ingo Herzke)
In den Häusern der Barbaren
Héctor Tobar
Piper (2012)
489 S.
fest geb.