Kameraden
Zwischen 1942 und 1945 verhörte der US-Nachrichtendienst im Gefangenenlager Fort Hunt bei Washington ca. 3000 deutsche Kriegsgefangene verschiedener Waffengattungen und Dienstgrade, unterschiedlichen Alters und verschiedener Herkunft. Parallel hörte
man heimlich deren Gespräche ab, die diese mit Mitgefangenen führten, wobei ihre Aussagen aus Gründen der Geheimhaltung in keinem Fall zu Strafverfolgungszwecken verwendet wurden. Insgesamt liegen über 100.000 Seiten minutiös geführter Vernehmungs- bzw. Abhörprotokolle und Fragebögen vor, die der Autor sichten und auswerten konnte. "Bei einer Grundgesamtheit von etwa 17 Millionen Männern, die während des Zweiten Weltkriegs in der Wehrmacht dienten, nur ein kleiner Ausschnitt - allerdings ein größerer und substanziellerer, als bislang jemals verfügbar war" (S. 24). Die umfangreiche Dokumentation liefert somit erstmals detaillierte und durchaus verallgemeinerbare Erkenntnisse zu vielfältigsten Fragestellungen (z.B. Homogenität, Mentalität und ideologische Ausrichtung der Wehrmacht, Bedingungen spezifischen militärischen Verhaltens, Soldatenethos und Kameradschaft, Kampfmoral, psychische Entlastungs- und Rechtfertigungsstrategien, Einstellung zum Töten, zu den Kriegsverbrechen, zur Judenverfolgung und zum Holocaust, Umgang mit dem Sterben). Der Autor beleuchtet sehr viele Einzelschicksale und lässt viele namentlich benannte Soldaten direkt (Zitate aus Abhör- und Vernehmungsprotokollen) zu Wort kommen, versucht aber auch, zumindest annäherungsweise zu generalisierenden Aussagen zu kommen. Bei allem wissenschaftlichen Anspruch gelingt es dem Verfasser, ausgesprochen lebendig und anschaulich zu formulieren. Mancher Leser erhält womöglich Antwort auf Fragen, die er seinem Vater oder Großvater vergeblich stellte oder die er nicht stellen konnte oder wollte. Als wichtiger Beitrag zur Komplettierung unseres Geschichtsbildes ab mittleren Beständen sehr zu empfehlen!
Kameraden
Felix Römer
Piper (2012)
544 S. : Ill.
fest geb.